Stell dir vor, du sitzt im Kaffeehaus und liest die Tageszeitung. Dann bemerkst du, dass der Typ am Nebentisch die selbe Zeitung liest - aber irgendwas macht dich stutzig: Sieht seine Titelseite nicht anders aus, als deine?
Tatsächlich: Wo bei dir ein großes Foto von den Unruhen in XY ist, prangt bei ihm ein Portrait der neuesten Oscar-Gewinnerin. Und als du verstohlen die Headlines seines Blattes liest, bemerkst du, dass es ganz andere Artikel sind als bei dir. Abendausgabe? Nein, es handelt sich definitiv um die selbe Ausgabe. Die Lösung erfährst du sogleich aus deiner Zeitung: Die Tageszeitung wurde personalisiert. Jeder bekommt ab sofort nur mehr das zu lesen, was ihn interessiert. Toll, denkst du. Aber dann kommt dir das doch ein wenig unheimlich vor: wer entscheidet denn jetzt, was mich interessiert? Du erfährst: die Auswahl der Artikel wurde aufgrund deiner bisherigen Lesegewohnheiten erstellt.
Du denkst das ganze weiter: je mehr ich über mein Interessensgebiet lese, desto mehr bekomme ich davon zu sehen. Und was passiert mit den Artikeln, die ich nie lese? Die verschwinden irgendwann. Ich bin also irgendwann nur mehr von lauter "interessanten" Artikeln umgeben, aber was sonst noch auf der Welt passiert, geht an mir vorüber!
Das ganze nennt sich Filter Bubble und das gibt es schon.
Nein, nicht als Konzept in einer Schublade. Das wird schon lange praktiziert. Auf Google, auf Facebook, und wahrscheinlich auch woanders, also auf 90% des Webs.
Vor kurzem sitzen wir wieder - kommunikativ wie wir heutzutage so sind - nebeneinander im Bett, sie mit dem MacBook, ich mit dem iPad und checken parallel unsere Facebook-Seiten. Als ich zu ihr rübersehe, bemerke ich, dass unser gemeinsamer Freund H. wieder etwas interessantes gepostet hat - aber bei mir scheint er nicht auf! Ich hab ihn doch nicht versehentlich blockiert? Oder er mich? Kann ich mir nicht vorstellen. Ich scrolle zurück: tatsächlich, seit vielen Tagen schon nichts mehr von ihm im Stream, bei ihr jede Menge. Was ist da los?
Die Lösung ist: Facebook hat mithilfe undurchschaubarer Algorithmen berechnet, dass mich mein Freund H. nicht zu interessieren hat. Also braucht es mir keine Aktualisierungen von ihm zu zeigen. Ich nenne das Bevormundung, und das ist etwas, das mir noch nie geschmeckt hat. Ich suche also nach einer Möglichkeit in den Einstellungen, diese Bevormundung abzuschalten. Kurz gesagt: diese Möglichkeit gibt es (praktisch) nicht.
Die von FB für jeden Freund vorgeschlagene Wichtigkeit kann eingesehen/eingestellt werden, wenn man rechts neben einem Posting auf das kleine Symbol [Pfeil nach unten] klickt. Es erscheint nebenstehendes Fenster. Falls hier "Nur wichtige Aktualisierungen" angehakt ist, kann es sein, dass man gar nichts mehr von dem Freund liest - und hier ist der Haken: wenn kein Posting mehr erscheint, kann ich auch nirgends hinklicken. Also wie jetzt? Es muss doch eine Möglichkeit geben, das für alle Freunde in meiner Freundesliste festzulegen? Gibt es, aber die schlechte Nachricht: Man muss es einzeln für jeden erledigen.
Gehe auf deine Profilseite und klicke auf "Freunde", du kriegst deine gesamte Freundesliste zu sehen. Wenn du mit der Maus über einen Namen fährst, erscheint ein kleines Fenster und in diesem rechts unten die Schaltfläche "Abonniert". bei überstreichen dieser geht wiederum ein Fenster auf und jetzt kannst du einstellen, was du von dem Freund angezeigt bekommen willst.
Was ich bis heute aber nicht weiß: Bleibt diese Einstellung für immer - oder entscheidet Facebook irgendwann wieder selbständig, dass es die Prioritäten ändern muss?
Für manche Menschen mag dieser Filter-Algorithmus von Facebook ganz praktisch erscheinen, denn schließlich will man ja nicht den ganzen Müll lesen, den die Leute so posten - aber halt: Müll? Wollen wir wirklich eine derartige Ausdrucksweise für etwas verwenden, das andere in ihrem Mitteilungsbedürfnis ganz gut finden? Denn folgendes passiert, wenn wir den Facebook Filter walten lassen: angenommen, ich habe auch Freunde in meiner Liste, die andere weltanschauliche Positionen vertreten als ich und die Freunde, mit denen ich öfters kommuniziere. Wenn diese Personen mit der Zeit nicht mehr in meinem Stream vorkommen, finde ich mich irgendwann in der "Bubble" wieder, in der nur mehr Leute mit den gleichen Ansichten posten. Es findet kein Austausch mit Andersdenkenden mehr statt, vielleicht wiegt man sich auch im Glauben, alle Freunde denken genau so wie man selber, oder die Kritiker seien verstummt. Ob das gut ist, mag jeder selber beurteilen
Was Zeitungen betrifft, stelle ich mir die Welt jedenfalls so vor: ausgebildete Redakteure stellen eine Zeitung so zusammen, dass sich jeder das heraussuchen kann, was er lesen will, darüber hinaus aber die Möglichkeit hat, auch einmal Dinge zu lesen, die er bisher noch nicht kannte (das nennt man gescheiter werden!)
Und zu Facebook: Wenn ich mich schon in die Fänge dieser Community begebe, möchte ich wenigstens selbst entscheiden können, welche Leute mich interessieren und welche nicht (als nächsten Schritt fügt FB Freunde hinzu, die zu mir passen und löscht andere, mit denen ich zu wenig gemeinsam habe?)
Passende Links zu diesem Thema:
http://en.wikipedia.org/wiki/Filter_bubble
http://www.thefilterbubble.com/
http://www.thefilterbubble.com/ted-talk
Prokrastination, Aufschiebeverhalten, Handlungsaufschub ist eine Bezeichnung für das Verhalten von Menschen, die das Erledigen notwendiger, aber ihnen unangenehmer Dinge immer wieder verschieben. siehe:Wikipedia
Zuerst einmal: die Wirklichkeit ist nicht, sie findet statt. Und zwar im Kopf.Dann: es gibt keine Ordnung, die sich im Gegensatz zu einem Chaos befindet. Es gibt nur Anordnung von Dingen. Manche dieser Anordnungen bezeichnen wir als chaotisch, andere als aufgeräumt. Das ist mehr eine Geschmacksfrage.
Drittens: zuhause schaut es aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hat.
Thermodynamik.
Auch wenn Physiklehrerlein Ihnen anhand eines anfangs geordneten und durch Mischen in Unordnung geratenden Kartenspiels den 2. Hauptsatz der Thermodynamik näher bringen wollen: Kinderkacke. Jede Anornung der Karten im Spiel ist gleich wahrscheinlich, nur haben wir zur "sortierten" Reihenfolge emotional eine stärkere Affinität. Das ist alles, und hat nicht das geringste mit der Thermodynamik zu tun. Ich möchte dies daher als emotionale Unordnung bezeichnen.
Ganz anders verhält es sich, wenn sich Gegenstände mit der Zeit in Einzelteile auflösen, sich zerstreuen, dekompostieren (unser Körper mit seinen Haaren, Hautschuppen und diversen Flüssigkeiten eingeschlossen) Dies ist der unumkehrbare Prozess, der in der Thermodynamik als Zeitpfeil aufleuchtet. Die Teile der zerfallenden Entitäten sind zwar auch nur anders angeordnet, aber dadurch ändert sich ihre Funktion: ich möchte dies daher als funktionale Unordnung bezeichnen.Philip K. Dick nennt das in seinem Roman Do Androids Dream Of Electric Sheep? (verfilmt als Blade Runner, für alle, die sich schämen müssen, das nicht zu wissen) "Kipple":
No one can win against kipple, except temporarily and maybe in one spot, like in my apartment I've sort of created a stasis between the pressure of kipple and nonkipple, for the time being. But eventually I'll die or go away, and then the kipple will again take over. It's a universal principle operating throughout the universe; the entire universe is moving toward a final state of total, absolute kippleization.
Durchführung
Unordnung lässt sich aber von philosophischen Gedanken nicht im geringsten beeindrucken. Also zur Tat.
Erinnern wir uns an Punkt eins, dann wird schnell klar: der Kampf gegen Unordnung ist ein Kampf, der im Kopf stattfindet. Wenn die Einstellung nicht die Richtige ist, wird man ihn nicht gewinnen können:
Vergessen Sie Sätze wie: "Spinnweben sind etwas ganz natürliches" "übertriebene Hygiene erzeugt nur Allergien." (denken Sie: in der Natur haben Spinnen Feinde. Im Haus übernehme ich diesen Part, hehe! Und: Sie kriegen sicher keine Allergie, wenn auf den Tellern in der Spüle nicht der Schimmelpilz wuchert!).
Vergessen Sie diese klitzekleinen Dinge, die irgendwo abgebrochen sind, jetzt am Fußboden liegen und womöglich im Staubsauger landen: Sie werden sie niemals vermissen! Besorgen Sie sich größere Müllsäcke. Seien Sie nicht zärtlich zu den Möbeln und Mauerkanten, nur wer ungestüm an die Unordnung herangeht, hat eine Chance. Denken Sie Feng Shui-mäßig: alle Dinge die Ihnen beim Aufräumen in die Hände kommen und keinen Bezug mehr zu Ihrem jetzigen Leben haben (wie: Hemden, die in den 80ern modern waren, Zeitschriften die noch auf Papier gedruckt sind, Adressbücher vor dem e-mail-Zeitalter...) weg damit. So was zieht einen nur in die Vergangenheit. Machen Sie Platz für die Zukunft. Vergessen Sie Sparsamkeit. Die Kunst, alte Joghurtbecher, Plastiktüten und Gummiringe aufzuheben, weil man sie irgendwann einmal brauchen könnte, beherrschen heute nur mehr wenige Menschen, und die sind alle über 70. Wenn Sie es versuchen, geben Sie dem Kipple nur unnötig neue Nahrung. Trennen Sie emotionales Ordnungmachen von funktionalem: versuchen Sie nicht gleichzeitig Staub zu wischen und die Bücher im Regal nach Autoren oder Genres zu ordnen. Kommen Sie nicht auf die Idee, Möbel umzustellen oder Bilder umzuhängen, während Sie Staubsaugen: Sie sind nicht multitaskingfähig.
Strukturierte Prokrastination
Nehmen Sie sich nichts vor, außer etwas Unangenehmes!
Dies ist der Königsweg zum Ordnungmachen und eine Delikatesse unter allen Selbstbetrügereien: Nehmen Sie sich etwas Unangenehmes vor (das aber nicht unbedingt genau heute erledigt werden muss). Die Kunst ist es, sich einzureden, dass dieses Unangenehme (das um einen Grad unangenehmer sein muss als das Aufräumen, also: mit einer älteren Verwandten beim Bandagisten ein Weihnachtsgeschenk aussuchen, oder das Formular für die Arbeitnehmer-Veranlagung ausfüllen) wichtiger ist, als die Wohnung in Ordnung zu bringen. (Falls heute der letzte Einkaufstag vor Weihnachten ist, oder die Frist für den Steuerausgleich abläuft, funktioniert das ganze übrigens genau so gut umgekehrt!)
Jetzt wissen Sie also, wie man es schafft, ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft zu sein, dem jederzeit ein(e) BesucherIn in den eigenen vier Wänden willkommen ist.
...und morgen werde ich auch bei mir zuhause aufräumen, ganz sicher!






