Sonntag, 29. Dezember 2013

Rasten

Zu Weihnachten haben sich Diebe in Berlin einen ganz besonderen Rastplatz ausgesucht, wie wir in einem Standard-Artikel lesen.  Es geht aus dem Artikel allerdings nicht ganz klar hervor, ob sie vor oder nach der Tat eine Rast nötig hatten. Verständlich allemal, man soll ja nicht übermüdet Auto fahren.




Montag, 29. April 2013

die Weißheit mit Löffeln

Foren dienen dazu, sich über gemeinsame Probleme auszutauschen, aus Erfahrungen anderer Menschen zu lernen und Antworten auf Fragen zu bekommen, die sich auch schon viele andere, die in einer ähnlichen Situation sind, gestellt haben.


Dachte ich. Ist natürlich Quatsch. Foren dienen dazu, aufgestauten Frust los zu werden: Hier findet man ja in geballter Form jene armseligen Idioten, die alle nicht so viel Grips wie man selber mitbekommen haben, und denen man das jetzt endlich auch sagen kann.

Das Mittel der Wahl heißt natürlich: Unfreundlichkeit. Wenn jemand eine blöde Frage stellt - also das ist eine Frage, die ich blöd finde, weil ich ja die Antwort weiß - muss man ihm das mit Nachdruck auch so klar machen: Mensch, wie kann man so eine bescheuerte Frage stellen.

Noch besser wird es aber, wenn ein anderer User die Frage dann auch noch falsch beantwortet - falsch heißt in diesem Zusammenhang: anders als ich sie beantworten würde - Na aber dann!

nach dem Putzen ist vor dem Putzen 


Kürzlich bin ich auf "NetMoms" gestoßen, weil ich die uralte Frage "Vor oder nach dem Frühstück Zähneputzen?"  ein für allemal beantwortet haben wollte, und - wer hätte das gedacht: auch unter den NetMüttern ist diese Frage immer noch ungeklärt.

Hier vertritt die Fraktion "Nachher" ihren Standpunkt mit geballter Argumentationsstärke: "vorher find ich irgendwie schwachsinnig" "ja ich ess auch vor dem kochen" "Also wie manche wirklich so naiv sein können" "Denen Ihre Zähne möcht ich nicht freiwillig sehen..."

Schließlich kommt eine Mutter auf die irrwitzige Idee, im Internet bei Fachleuten nach der Antwort zu suchen und, siehe da, es wird empfohlen, vor dem Frühstück zu putzen, weil sich über Nacht Beläge bilden, die entfernt werden sollten, damit sich dort nicht leichter wieder Bakterien ansetzen.

Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. "Du glaubst auch alles, oder?? Bin ZFA und diese aussage ist mehr als lächerlich"

Die Mutter, die die Antwort im Netz gefunden hatte, erkannte auch ziemlich schnell das Kompetenzniveau im Forum: "am wenigsten glaube ich netmoms ;)"

Das kann man sich aber nun wirklich nicht gefallen lassen. "du hast die weißheit mit löffeln gefressen oder??? lächerlich sind deine aussagen!!!"

(alle Rechtschreibfehler im Original)

Höflichkeit und Respekt


Ich bin nun nicht mehr der Jüngste, vielleicht fehlt mir ein wenig der Einblick in die Art, wie heute unter jungen Leuten miteinander umgegangen wird, denn ich frage mich: Würde diese Mutter, sagen wir, wenn sie im Kindergarten eine andere Mutter trifft, mit dieser genauso reden? Ich bin aber auch ein Optimist, deshalb glaube ich, dass es schon auch die Anonymität des Netzes ist, die manche dazu verleitet, ihre Erziehung (falls vorhanden) zu vergessen, wenn sie mit einem anonymen Satzgebilde eine Konversation beginnen.

Möglicherweise ist das Problem folgendes: Vielleicht hinkt die Erziehung in unserem Bildungssystem - wie immer - einfach nur der Realität hinterher. Bisher wurde zwar darauf geachtet, den Leuten technische Fähigkeiten rund um Computer und Netz zu verrmitteln (wobei sicher manche Schüler den Lehrern mehr beibringen könnten) - Der Umgang mit anderen Menschen kam dabei aber zu kurz: Die Technik, die hinter Wisch- und Pinch-Bewegungen steckt wird ja immer unwichtiger - inzwischen können auch Zweijährige problemlos mit Papas iPad umgehen - die Interaktion Mensch-Maschine ist ja in Wahrheit sehr häufig eine Interaktion Mensch-Maschine-Mensch. Hier braucht es neue Regeln - nein: neue Höflichkeitsformen, die wir schon als Kinder lernen. Nicht einzelne Foren-Regeln, nicht: wie verhalte ich mich in Social Media. Es muss ein umfassendes Bewusstsein her, wie wir mit anderen Menschen umgehen, egal ob persönlich oder vermittelt durch ein Medium.

Vielleicht muss man es heutzutage auch den Eltern noch einmal sagen: Es geht in unserer Welt nämlich in erster Linie um das Zusammenleben, dann erst um das persönliche Weiterkommen. Um dieses Zusammenleben einfacher zu gestalten, wurde die Höflichkeit erfunden und um das persönliche Weiterkommen der anderen auch zu ermöglichen, wurde der Respekt vor den Menschen erfunden.

Montag, 5. März 2012

gefangen in der Facebook Bubble

Stell dir vor, du sitzt im Kaffeehaus und liest die Tageszeitung. Dann bemerkst du, dass der Typ am Nebentisch die selbe Zeitung liest - aber irgendwas macht dich stutzig: Sieht seine Titelseite nicht anders aus, als deine? 

Tatsächlich: Wo bei dir ein großes Foto von den Unruhen in XY ist, prangt bei ihm ein Portrait der neuesten Oscar-Gewinnerin. Und als du verstohlen die Headlines seines Blattes liest, bemerkst du, dass es ganz andere Artikel sind als bei dir. Abendausgabe? Nein, es handelt sich definitiv um die selbe Ausgabe. Die Lösung erfährst du sogleich aus deiner Zeitung: Die Tageszeitung wurde personalisiert. Jeder bekommt ab sofort nur mehr das zu lesen, was ihn interessiert. Toll, denkst du. Aber dann kommt dir das doch ein wenig unheimlich vor: wer entscheidet denn jetzt, was mich interessiert?  Du erfährst: die Auswahl der Artikel wurde aufgrund deiner bisherigen Lesegewohnheiten erstellt.

Du denkst das ganze weiter: je mehr ich über mein Interessensgebiet lese, desto mehr bekomme ich davon zu sehen. Und was passiert mit den Artikeln, die ich nie lese? Die verschwinden irgendwann. Ich bin also irgendwann nur mehr von lauter "interessanten" Artikeln umgeben, aber was sonst noch auf der Welt passiert, geht an mir vorüber!

Das ganze nennt sich Filter Bubble und das gibt es schon.

Nein, nicht als Konzept in einer Schublade. Das wird schon lange praktiziert. Auf Google, auf Facebook, und wahrscheinlich auch woanders, also auf 90% des Webs.

Vor kurzem sitzen wir wieder - kommunikativ wie wir heutzutage so sind - nebeneinander im Bett, sie mit dem MacBook, ich mit dem iPad und checken parallel unsere Facebook-Seiten. Als ich zu ihr rübersehe, bemerke ich, dass unser gemeinsamer Freund H. wieder etwas interessantes gepostet hat - aber bei mir scheint er nicht auf! Ich hab ihn doch nicht versehentlich blockiert? Oder er mich? Kann ich mir nicht vorstellen. Ich scrolle zurück: tatsächlich, seit vielen Tagen schon nichts mehr von ihm im Stream, bei ihr jede Menge. Was ist da los?

Die Lösung ist: Facebook hat mithilfe undurchschaubarer Algorithmen berechnet, dass mich mein Freund H. nicht zu interessieren hat. Also braucht es mir keine Aktualisierungen von ihm zu zeigen. Ich nenne das Bevormundung, und das ist etwas, das mir noch nie geschmeckt hat. Ich suche also nach einer Möglichkeit in den Einstellungen, diese Bevormundung abzuschalten. Kurz gesagt: diese Möglichkeit gibt es (praktisch) nicht.

Die von FB für jeden Freund vorgeschlagene Wichtigkeit kann eingesehen/eingestellt werden, wenn man rechts neben einem Posting auf das kleine Symbol [Pfeil nach unten] klickt. Es erscheint nebenstehendes Fenster. Falls hier "Nur wichtige Aktualisierungen" angehakt ist, kann es sein, dass man gar nichts mehr von dem Freund liest - und hier ist der Haken: wenn kein Posting mehr erscheint, kann ich auch nirgends hinklicken. Also wie jetzt? Es muss doch eine Möglichkeit geben, das für alle Freunde in meiner Freundesliste festzulegen? Gibt es, aber die schlechte Nachricht: Man muss es einzeln für jeden erledigen.

Gehe auf deine Profilseite und klicke auf "Freunde", du kriegst deine gesamte Freundesliste zu sehen. Wenn du mit der Maus über einen Namen fährst, erscheint ein kleines Fenster und in diesem rechts unten die Schaltfläche "Abonniert". bei überstreichen dieser geht wiederum ein Fenster auf und jetzt kannst du einstellen, was du von dem Freund angezeigt bekommen willst.

Was ich bis heute aber nicht weiß: Bleibt diese Einstellung für immer - oder entscheidet Facebook irgendwann wieder selbständig, dass es die Prioritäten ändern muss?

Für manche Menschen mag dieser Filter-Algorithmus von Facebook ganz praktisch erscheinen, denn schließlich will man ja nicht den ganzen Müll lesen, den die Leute so posten - aber halt: Müll? Wollen wir wirklich eine derartige Ausdrucksweise für etwas verwenden, das andere in ihrem Mitteilungsbedürfnis ganz gut finden? Denn folgendes passiert, wenn wir den Facebook Filter walten lassen: angenommen, ich habe auch Freunde in meiner Liste, die andere weltanschauliche Positionen vertreten als ich und die Freunde, mit denen ich öfters kommuniziere. Wenn diese Personen mit der Zeit nicht mehr in meinem Stream vorkommen, finde ich mich irgendwann in der "Bubble" wieder, in der nur mehr Leute mit den gleichen Ansichten posten. Es findet kein Austausch mit Andersdenkenden mehr statt, vielleicht wiegt man sich auch im Glauben, alle Freunde denken genau so wie man selber, oder die Kritiker seien verstummt. Ob das gut ist, mag jeder selber beurteilen

Was Zeitungen betrifft, stelle ich mir die Welt jedenfalls so vor: ausgebildete Redakteure stellen eine Zeitung so zusammen, dass sich jeder das heraussuchen kann, was er lesen will, darüber hinaus aber die Möglichkeit hat, auch einmal Dinge zu lesen, die er bisher noch nicht kannte (das nennt man gescheiter werden!)

Und zu Facebook: Wenn ich mich schon in die Fänge dieser Community begebe, möchte ich wenigstens selbst entscheiden können, welche Leute mich interessieren und welche nicht (als nächsten Schritt fügt FB Freunde hinzu, die zu mir passen und löscht andere, mit denen ich zu wenig gemeinsam habe?)

Passende Links zu diesem Thema:

http://en.wikipedia.org/wiki/Filter_bubble
http://www.thefilterbubble.com/
http://www.thefilterbubble.com/ted-talk

Sonntag, 4. März 2012

der Computer entwächst den Halbfachleuten

Als ich - als technikinteressierter Schüler - von einer neuen Erfindung, dem "PC" hörte, lief ich sogleich mit meinem Ersparten ins nächste Elektrogeschäft und fragte nach, ob sie denn soetwas hätten. "Personal Computer?" fragte der Verkäufer stirnrunzelnd und betonte das Personal auf dem a. "Hab ich noch nie gehört."

Eigentlich wusste ich ja selbst nicht so recht, was ich damit anfangen würde. Ich dachte, so ein Computer würde mir in erster Linie die Mathematik-Hausübungen lösen. Schließlich sagte man ja auch "Elektronen-Rechner" dazu. Und vielleicht würde ich darauf schreiben anstatt auf der alten Urania-Schreibmaschine aus den 20er-Jahren, die mir ein Großonkel vererbt hatte.

Zehn Jahre später arbeitete ich dann zum ersten Mal mit etwas, das hieß "Windows 3.1" und das war lustig, denn da waren Fensterchen, die man öffnen, schließen und größer und kleiner machen konnte - und das alles mit einem halben Entenei an der Schnur - das man "Maus" nannte. Das Konzept, das diese und ähnliche GUIs (Graphic User Interfaces) verfolgten, war von Anfang an, den "Schreibtisch" zu imitieren: So wie Blätter auf der Tischplatte übereinander geschoben werden konnten, konnte man die Fenster oder Arbeitsblätter der Programme stapeln. Ziel war letztendlich das papierlose Büro (ein Plan, der, wie wir heute wissen, wenn wir die gelben Post-it-Zettelchen am Bildschirmrand betrachten, gründlich gescheitert ist)

Fast 20 Jahre lang hat sich eigentlich nichts daran geändert, wie wir mit Computern umgehen. Tasten, Maus, Icons, Buttons, Anfasser, Wir sind gewohnt, dass alles im Computer Dateien sind, dass diese Endungen wie .exe .jpg oder .doc haben und dass alle diese Dateien irgendwie in eine Ordnerstruktur eingebunden sind und dass Computer unwirsch reagieren, wenn sie die Erweiterung nicht kennen.

Und wir wissen, dass wir einiges kaputt machen können, wenn wir die falsche Datei löschen oder verschieben. Oder wenn wir uns nicht genau an die Anweisungen einer Installationsroutine halten, oder einen Stecker zu früh rausziehen. Irgendwie sind viele von uns zu Halbfachleuten geworden. Wir haben Festplatten partitioniert und Windows neu aufgesetzt, wir haben komplizierte Programmpakete installiert und Netzwerke eingerichtet.

Genau das geht nun zu Ende.

Zwanzig Jahre lang arbeiteten wir wie Hausfrauen und -männer, die um einen Staubsauger zu bedienen, halbwegs eine Ahnung von Spannungen, Stromstärken, Drehmomenten und vom Cosinus-Phi des Elektromotors haben mussten. Ohne Zweifel ist es bei der Hausarbeit für uns alle von Vorteil, dass wir einfach nur wissen müssen, wo der Schalter ist. Den Rest überlassen wir gern den Fachleuten.

Obwohl ich nun für meinen Teil gern in den Tiefen der Betriebssysteme herumgeschraubt habe (und diese sehr häufig wieder neu aufsetzen musste), bin ich der festen Überzeugung, dass ein Computer (oder wie auch immer man das Ding nennt, mit dem man arbeitet) genau so einfach zu bedienen sein soll wie ein Staubsauger. Einschalten und das tun was man tun will.

Das was Apple und Google  und zuletzt auch Microsoft auf ihren Telefonen und Tablets vorführen, geht nun - endlich - genau in diese Richtung. Obwohl natürlich auch auf diesen Geräten Dateien in Ordnern im Hintergrund abgelegt sind (abgesehen davon, dass auf einer tieferen Ebene gar keine Ordner existieren - aber das führt jetzt wirklich zu weit), bekomme ich diese praktisch nie zu Gesicht. Brauche ich auch nicht. Und wenn ich die Bildchen hin und her schiebe, kann es schlimmstenfalls sein, dass ich Fotos oder Musikstücke ins Nirwana schicke, aber ich kann nichts im System kaputt machen. 

Ich bekomme keine Meldungsfenster zu sehen, die mich fragen, ob ich dies oder jenes auch wirklich, wirklich will, weil es zu bösen schweren Fehlfunktionen führen kann, oder welche, die mir nahelegen,  mich mit dem Systemadministrator meiner Wahl in Verbindung zu setzen. Ich werde nicht aufgefordert, irgendwelche Treiber zu aktualisieren und ich bekomme nicht zu lesen: sie haben die Lautstärkeeinstellung ihres Telefons geändert, starten sie das System neu um diese Änderung abzuschließen!

Ich glaube, mit den neuen Benutzeroberflächen, wie sie iOS, Android und Windows 8 präsentieren, sind wir nun am Weg in die Post-PC-Ära angelangt. In den einschlägigen Rezensionen neuer Versionen wird längst nicht mehr über Hardware-Kompatibilität gesprochen oder über die Ressourcen, die das Ding braucht, sondern darüber, ob Statusleisten ein- oder ausgeblendet sind und wie man die Widgets am Homescreen anordnen kann. Es ist sogar immer mehr Nebensache, auf welchem Gerät etwas läuft, wichtig ist: wie benutzerfreundlich ist der Umgang mit den Applikationen.

Wer auf der Strecke bleibt sind wir Halbfachleute. Vielleicht wird in zehn Jahren niemand mehr (außer den richtigen Fachleuten) wissen, was eine Dateierweiterung ist, oder dass man die Registry defragmentieren musste; dass man beim Hochfahren des PCs mit F8 ins BIOS kam - und hoffentlich wird niemand mehr Strg-Alt-Entf drücken müssen...



Freitag, 1. Juli 2011

Strukturierte Prokrastination oder wie man gegen Kipple gewinnt.

Versuch über die Durchführung des Ordnungmachens in einem Single-Haushalt



Prokrastination, Aufschiebeverhalten, Handlungsaufschub ist eine Bezeichnung für das Verhalten von Menschen, die das Erledigen notwendiger, aber ihnen unangenehmer Dinge immer wieder verschieben. siehe:Wikipedia
Zuerst einmal: die Wirklichkeit ist nicht, sie findet statt. Und zwar im Kopf.

Dann: es gibt keine Ordnung, die sich im Gegensatz zu einem Chaos befindet. Es gibt nur Anordnung von Dingen. Manche dieser Anordnungen bezeichnen wir als chaotisch, andere als aufgeräumt. Das ist mehr eine Geschmacksfrage.

Drittens: zuhause schaut es aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hat.


Thermodynamik.


Auch wenn Physiklehrerlein Ihnen anhand eines anfangs geordneten und durch Mischen in Unordnung geratenden Kartenspiels den 2. Hauptsatz der Thermodynamik näher bringen wollen: Kinderkacke. Jede Anornung der Karten im Spiel ist gleich wahrscheinlich, nur haben wir zur "sortierten" Reihenfolge emotional eine stärkere Affinität. Das ist alles, und hat nicht das geringste mit der Thermodynamik zu tun. Ich möchte dies daher als emotionale Unordnung bezeichnen.


Ganz anders verhält es sich, wenn sich Gegenstände mit der Zeit in Einzelteile auflösen, sich zerstreuen, dekompostieren (unser Körper mit seinen Haaren, Hautschuppen und diversen Flüssigkeiten eingeschlossen) Dies ist der unumkehrbare Prozess, der in der Thermodynamik als Zeitpfeil aufleuchtet. Die Teile der zerfallenden Entitäten sind zwar auch nur anders angeordnet, aber dadurch ändert sich ihre Funktion: ich möchte dies daher als funktionale Unordnung bezeichnen.
Philip K. Dick nennt das in seinem Roman Do Androids Dream Of Electric Sheep? (verfilmt als Blade Runner, für alle, die sich schämen müssen, das nicht zu wissen) "Kipple":

No one can win against kipple, except temporarily and maybe in one spot, like in my apartment I've sort of created a stasis between the pressure of kipple and nonkipple, for the time being. But eventually I'll die or go away, and then the kipple will again take over. It's a universal principle operating throughout the universe; the entire universe is moving toward a final state of total, absolute kippleization.

Durchführung


Unordnung lässt sich aber von philosophischen Gedanken nicht im geringsten beeindrucken. Also zur Tat.

Erinnern wir uns an Punkt eins, dann wird schnell klar: der Kampf gegen Unordnung ist ein Kampf, der im Kopf stattfindet. Wenn die Einstellung nicht die Richtige ist, wird man ihn nicht gewinnen können:

Vergessen Sie Sätze wie: "Spinnweben sind etwas ganz natürliches" "übertriebene Hygiene erzeugt nur Allergien." (denken Sie: in der Natur haben Spinnen Feinde. Im Haus übernehme ich diesen Part, hehe! Und: Sie kriegen sicher keine Allergie, wenn auf den Tellern in der Spüle nicht der Schimmelpilz wuchert!).

Vergessen Sie diese klitzekleinen Dinge, die irgendwo abgebrochen sind, jetzt am Fußboden liegen und womöglich im Staubsauger landen: Sie werden sie niemals vermissen! Besorgen Sie sich größere Müllsäcke. Seien Sie nicht zärtlich zu den Möbeln und Mauerkanten, nur wer ungestüm an die Unordnung herangeht, hat eine Chance. Denken Sie Feng Shui-mäßig: alle Dinge die Ihnen beim Aufräumen in die Hände kommen und keinen Bezug mehr zu Ihrem jetzigen Leben haben (wie: Hemden, die in den 80ern modern waren, Zeitschriften die noch auf Papier gedruckt sind, Adressbücher vor dem e-mail-Zeitalter...) weg damit. So was zieht einen nur in die Vergangenheit. Machen Sie Platz für die Zukunft.

Vergessen Sie Sparsamkeit. Die Kunst, alte Joghurtbecher, Plastiktüten und Gummiringe aufzuheben, weil man sie irgendwann einmal brauchen könnte, beherrschen heute nur mehr wenige Menschen, und die sind alle über 70. Wenn Sie es versuchen, geben Sie dem Kipple nur unnötig neue Nahrung. Trennen Sie emotionales Ordnungmachen von funktionalem: versuchen Sie nicht gleichzeitig Staub zu wischen und die Bücher im Regal nach Autoren oder Genres zu ordnen. Kommen Sie nicht auf die Idee, Möbel umzustellen oder Bilder umzuhängen, während Sie Staubsaugen: Sie sind nicht multitaskingfähig.


Strukturierte Prokrastination


Nehmen Sie sich nichts vor, außer etwas Unangenehmes!

Dies ist der Königsweg zum Ordnungmachen und eine Delikatesse unter allen Selbstbetrügereien: Nehmen Sie sich etwas Unangenehmes vor (das aber nicht unbedingt genau heute erledigt werden muss). Die Kunst ist es, sich einzureden, dass dieses Unangenehme (das um einen Grad unangenehmer sein muss als das Aufräumen, also: mit einer älteren Verwandten beim Bandagisten ein Weihnachtsgeschenk aussuchen, oder das Formular für die Arbeitnehmer-Veranlagung ausfüllen) wichtiger ist, als die Wohnung in Ordnung zu bringen. (Falls heute der letzte Einkaufstag vor Weihnachten ist, oder die Frist für den Steuerausgleich abläuft, funktioniert das ganze übrigens genau so gut umgekehrt!)


Jetzt wissen Sie also, wie man es schafft, ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft zu sein, dem jederzeit ein(e) BesucherIn in den eigenen vier Wänden willkommen ist.

...und morgen werde ich auch bei mir zuhause aufräumen, ganz sicher!    

Donnerstag, 10. Juni 2010

Steve Midas Jobs berührt die Videotelefonie

Manche Dinge klingen wie eine Verheißung - aber es stellt sich heraus: keiner will sie haben.
Andere Dinge klingen wie etwas, das man nicht braucht - und werden für die Menschheit unverzichtbar.

Mobiltelefone und das Internet sind gängige Beispiele für den zweiten Fall: Ich glaube, kein einziger Science Fiction Autor hat vor der Durchsetzung des Internets auch nur die Idee in Erwägung gezogen, dass soetwas einmal benötigt werden wird (und ich meine Internet, nicht den großen Super-Positronen-Dingsbums, von dem man alle Informationen abrufen kann, inklusive der Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest) Und niemand von uns, die wir uns noch an die Vor-Handy-Ära erinnern können, seien wir ehrlich, hätte einen Schilling drauf gewettet, dass Handtelefone einmal jemanden außer Vertretern und Angebern interessieren würden.

Was wie eine gute Idee geklungen hat, waren hingegen diese beiden Dinge: Tablet PCs und Video-Telefonie. Schon seit Anfang der 90er Jahre wurden immer wieder Tablet PCs angekündigt (ab 2001 unter diesem Namen), die man mit Stift oder Finger auf einem Touchscreen bediente - Das klingt doch gut: Ein Ding, das ich halten kann wie ein Notizbuch, wo ich keinen Tisch und keine Maus brauche. Aber - warum auch immer - niemanden hat's interessiert. Videotelefonie: als Killerapplikation angekündigt im Zuge der UMTS-Frequenz-Versteigerung (Erinnert sich noch wer? Damals konnte der Staat noch richtig gut Geld einnehmen: allein in Deutschland 50 - in Worten Fünfzig Milliarden Euro nur für die Genehmigung, die Frequenzen benutzen zu dürfen, was ist dagegen die Griechenland Hilfe? - der IWF hat einen Kredit von 30 Milliarden € gewährt)  In jedem, wirklich jedem Science Fiction Film seit den frühen 40ern wird nur mit Bild telefoniert. Hat irgendwer selbst schon einmal ein Video-Gespräch geführt? Jedes  moderne Telefon hat vorne eine Kamera und kann Videocalls. Weiß das überhaupt jemand?

Dann kam Steve Jobs: er nannte den Tablet PC "iPad" und obwohl das Ding weniger kann als ein gängiges Telefon, rannten ihm seine Glaubensbrüder die Store-Türen ein. Keiner kanns erklären.

Und jetzt das: Steve Jobs nennt Video-Telefonie "FaceTime", tut so, als habe er grad was Großartiges erfunden und ist in seiner Hybris überzeugt, dass er es genauso wie mit allen anderen Apfel-Devotionalien schafft, es in Gold zu verwandeln. Dass das ganze nur von iPhone zu iPhone funktioniert (klar, das iPad hat ja keine Kamera ;-P und Telefone anderer Hersteller sind Häresie), wird die Apfeljünger nicht stören, sie haben ja alle die alte Netscape-Weisheit verinnerlicht:

it's not a bug, it's a feature!



Samstag, 27. März 2010

The Great 3D Swindle

Oh ja, 3D ist die Lösung, ich weiß. Aber von welchem Problem?

Zuerst: Was heißt hier 3D? Alles flach, keine 3. Dimension. Was wir heutzutage mit Avatar und Alice zu sehen bekommen, ist bestenfalls eine 3D-Simulation. Eigentlich sollte es "stereoskopische Filme" heißen, aber das klingt nach 19. Jahrhundert. Und genau so alt ist die ganze Chose auch. Das einzige, das sich geändert hat, sind die Computerprogramme, die die beiden Bilder bauen. Aber bei aller Computertechnik bleibt der 3D-Effekt so spannend wie eine 3D-Postkarte aus Mariazell. Wenn das schon toll wäre, müssten diese Dinger ja einen reißenden Absatz finden. Da sie das aber nicht tun, bleibt die Frage: wozu 3D im Film?

Schnitt

Film ist die großartigste Erfindung seit der Einführung der Schrift. Film ist viel genialer, als sich das die Brüder Lumiere einst vorstellen konnten, denn im Film werden nicht einfach bewegte Szenen eingefangen, im Film funktioniert etwas, das man eigentlich nicht erwarten konnte: Der Schnitt. Interessanterweise ist das was bei einem Filmschnitt passiert, genau die Art und Weise, wie unser Sehen funktioniert: Wir leben nicht in einem kontinuierlichen Strom eines bewegten Bildes, das in unsere Augen strömt, wir leben in Szenen.

Sakkaden

Bei jeder Augenbewegung passiert etwas unerwartetes: das Bewusstsein für das gesehene Bild wird abgeschaltet: Die Augen stehen still, wir sehen - das Bewusstsein wird abgeschaltet - die Augen bewegen sich - die Augen stehen still - das Bewusstsein wird wieder eingeschaltet. Das "Loch" dazwischen wird zum Verschwinden gebracht, indem die Erinnerung daran einfach nicht existiert. Die "Szenen" schließen nahtlos aneinander an. Wer das nicht glaubt, mache folgendes Experiment: er oder sie stelle sich vor einen Spiegel und beobachte die eigenen Augen. Man blicke sich abwechselnd ins linke und ins rechte Auge: Niemals werden wir auch nur einen kleinen Ruck der Augenbewegung erhaschen: jedes Mal, wenn sich das Auge bewegt, wird unser Bewusstsein kurz ausgeschaltet. Diese Augenbewegungen mit eingebautem "Schnitt" nennt man Sakkaden.

Unser Sehsystem hat nun die Erwartungshaltung, dass die Welt nach der Augenbewegung genau die gleiche ist wie vorher. Diese Erwartung ist so stark, dass sie z.B. verhindert, dass wir in den bekannten 5-Fehler-Suchbildern die Unterschiede schnell erkennen. Und diese Erwartungshaltung ist es auch, die bewirkt, dass wir uns nach einem Filmschnitt in der gleichen Geschichte wiederfinden, und uns nicht jedes mal neu im "Raum" orientieren müssen. (Wer kennt Lynchs Mulholland Drive? Schon einmal vor und zurückgespult und beobachtet, was nach einem unverdächtigen Schnitt plötzlich alles anders ist? Und: man bekommt es beim ersten mal nicht mit!)

Ton, Farbe, 3D

Der Schnitt ist das zentrale Element im Film, alles andere gruppiert sich zwanglos herum: Ton, Farbe, 3D. Ja, wir tendieren dazu, gesprochene Worte mit den Ohren zu hören und nicht zu lesen. Trotzdem können wir die Dialoge in einem Stummfilm auch mitlesen, weil wir sie in unserem Kopf sozusagen "hören". Wir sehen in Farbe. Wir können auch S/W sehen, das funktioniert, weil die Bildinformation: Formen, Bewegung, Bedeutungsinhalte - an einer anderen Stelle und von anderen Nervenbahnen verarbeitet werden als die Farbe. Farbe ist sozusagen ein Goodie der Evolution, mit der sie unter den Säugetieren nur uns Affen so reich beschenkt hat.

Und wir besitzen Richtungshören und stereoskopisches Sehen. Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Beide Fähigkeiten werden heute im Kino bedient: Surround Sound hat ziemlich unaufgeregt die Multiplex-Säle durchwachsen, 3D-Bild wird wieder einmal propagiert. Beides birgt seine Tücken. Das Problem mit dem Richtungshören lässt sich leicht von guten Sound-Designern lösen. Schlechte machen dagegen gern folgenden Fehler: Das Bild schaut so aus: Person A im Zentrum, spricht, von links nähert sich nur indirekt an den Reaktionen As erkennbar, sprechend, Person B. Schnitt. Jetzt sind beide Personen zu sehen. Beide im Zentrum. Wenn der Herr Tontechniker in Szene 1 die Stimme von ganz weit links kommen lässt, ist das toll, aber was passiert dann? Schnitt. Unsere Augen denken, aha eine Sakkade. Kein Problem fürs Sehen, aber plötzlich springt der Ton der Stimme ins Zentrum. Die Ohren machen keine Sakkaden (die können wir ja auch nicht so gut bewegen). Wie gesagt, mit ein paar Tricks geht das schon. Wir sind ja Augentiere und keine Ohretiere, so wichtig sind die Richtungsinformationen dann doch wieder nicht.

Ganz anders verhält es sich mit dem stereoskopischen Sehen. Wiederum könen wir Tiefe und Entfernung auch ohne 3D-Brille sehen: Wir rennen auch mit einem Auge nicht gleich gegen jede Wand: Das Sehsystem verarbeitet verschiedene Hinweise auf den Verdächtigen "Entfernung". Hauptsächlich Perspektiven, das "Wissen" über die wahre Größe von Dingen und Menschen (niemand glaubt, dass der Typ im Hintergrund ein Mensch mit 10cm Körpergröße ist) und die Verschiebung im Blickfeld, wenn wir uns (respektive die Kamera) bewegen. Zusätzlich wertet das Sehsystem noch die leicht unterschiedlichen Blickwinkel beider Augen, die Muskelanstrengung beim Betrachten nähergelegener Objekte sowie den Fokussieraufwand der Linse aus. Diese Zusatzfeatures, die wir den eng beieinander stehenden Augen zu verdanken haben, bemerken wir im Alltag kaum: sie bleiben meist unbewusst. Was auch gut so ist, denn sonst würden wir dauernd bemängeln, dass wir immer irgendetwas doppelt sehen: fokussieren wir auf die Nähe, sind Dinge in der Entfernung doppelt, fokussieren wir auf die Entfernung, sind Dinge in der Nähe doppelt. Dass uns das nicht weiter stört, hängt auch vor allem damit zusammen, dass wir nur entweder nah oder fern scharf sehen. der Rest der Szene ist in gnädige Tiefenunschärfe gehüllt. Das ist der Punkt.

Wenn man uns im Kino 3D-Effekte aufs bebrillte Auge drückt, hat man die Wahl, Vorder- und Hintergrund scharf zu zeigen: das ist unnatürlich und irritierend. Oder: z.B. den Hintergrund unscharf zu zeigen. Wenn wir aber dann den Hintergrund ansehen wollen (weil wir zum Beispiel selbst entscheiden wollen, was wir ansehen wollen) dann bleibt er unscharf. Das ist unnatürlich und irritierend. Die einzige Möglichkeit, die uns bleibt: nur mehr ganz genau das anzusehen, das man uns vorschreibt. So will ich Kino aber nicht sehen.

Wenns nur um den 3D-Effekt geht, halte ich mich an den alten View Master

Dienstag, 4. August 2009

die Lügen dieser Welt

Unwohlsein ist ein legitimes Gefühl. Wenn man etwas Verdorbenes gegessen hat, wenn man an der Bar bis um vier Uhr früh das Wort Nein Danke wieder einmal nicht über die Lippen gebracht hat, wenn man realisiert, dass man deswegen zum Chef gerufen wird, weil der Fisch, den man vorgestern gedreht hat, doch nicht unbemerkt geblieben ist.

Unwohl kann einem auch angesichts komplexer Zusammenhänge werden, die man aus Zeit- oder Intelligenzmangel nicht durchschaut. Das ist auch legitim.

Komplex ist eigentlich alles, was mehr als ein Wort braucht, um beschrieben zu werden. Das Internet, zum Beispiel, ist auch komplex, aber nicht nur auf der Ebene der Leitungen und Computerchips und TCP/IP und DNS - Dingsbums, sondern auch wegen eines weiteren Bauteils, des sogenannten USERs.

Manche von den Usern gründen eine FaceBook-Gruppe. Wohl, weil ihnen unwohl ist.

Das Problem mit dem Veröffentlichen von Unwohlsein wegen der Komplexität von Dingen, die man aus Zeit- oder Intelligenzmangel nicht durchschaut, ist jenes: aus Zeit- oder Intelligenzmangel kann man die Hintergründe der Copy/Pasted "Fakten" auch nicht recherchieren.

Sonst wäre man vielleicht draufgekommen, dass die Geschichte aus den Aufzeichnungen des behandelnden Arztes eines Schizophrenie-Patienten stammen könnte.

Die Gruppe heißt "Energybox - Die Lügen dieser Welt" - Ein kurzer Auszug lässt die Patienten-Theorie sehr wahrscheinlich erscheinen:

Schweden hat jetzt die stärkste, größte und furchtbarste Waffe der Welt!!! In alle Haushalte wird eine sogenannte „Energybox" eingebaut. Erste Wirkungen: Viele körperliche und seelische Beschwerden bei Menschen, ungeheure Schlafstörungen, andauernder kurzer Stromausfall, Lampen explodieren, Mobilverkehr teilweise zusammengebrochen, Telefone funktionieren nicht, Stromstärke und Strahlung in der Stromleitung unglaublich gestiegen, Computer knacken furchtbar, Internet und Mailverkehr humpelt, Lampen flackern die ganze Zeit usw. Auch die El-Allergiker fallen haufenweise um und fühlen sich sterbend. Viele zeigen jetzt schon Persönlichkeitsveränderungen und andere Bewusstseinsstörungen, besonders im Bezug auf das Gedächtnis.

Die, welche über Frequenztechnik und Mikrowellen etwas wissen, können sich die anderen Möglichkeiten der Kontrolle vorstellen. Mit modifizierte ELF, ULF usw. ist es sehr leicht JEDEN Raum in 3D zu sehen, jedes Gespräch abzuhören und sogar die Gehirnwellen der Menschen zu beeinflussen.

Die, welche über Wikipedia etwas wissen, können die Symptome für Schizophrenie nachlesen:

"Für den Laien wird eine psychotische Schizophrenie zumeist an der Wahnsymptomatik erkennbar: Ein Betroffener glaubt beispielsweise, von Außerirdischen oder Geistern aus dem Jenseits beobachtet zu werden (sog. Verfolgungswahn), dass Nachbarn oder andere ihn schädigen wollen, dass er nachts im Schlaf von elektronischen Geräten (durch die Wand hindurch) bestrahlt wird, dass seine Gedanken von anderen gehört werden können oder dass er aufgrund früherer Sünden Schuld an Naturkatastrophen trage. Häufig ist auch die wahnhafte Überzeugung, dass im Kopf ein Chip oder Ähnliches implantiert sei, mit dem die Gedanken oder das Handeln kontrolliert oder sogar gesteuert würden."

Montag, 16. März 2009

das :zukunfts|institut - eine sehr gegenwärtige Betrachtung

Matthias Horx,Gründer und Inhaber des Zukunftsinstituts
Matthias Horx, Gründer und
Inhaber des Zukunftsinstituts
Eigentlich ist es ja ganz einfach mit der Zukunft:

1. Sie kommt erst und
2. Man weiß nie genau, was sie bringt.

Nichtsdestomehroderweniger gibt es ein Institut, in dem sie sozusagen geprobt wird und dann auf die Gegenwart losgelassen: bereits im Jahr 2009 strömen also all die Haupt- und Zeitwörter auf uns ein, auf die wir noch gerne bis zur Ankunft der zugehörigen Zukunft gewartet hätten.

Das Institut hat nämlich nicht nur Experten für Alles und Jedes (zum Beispiel für Business, Lifestyle, Psychologie, Demografie usf. - wie man es ja auch erwarten würde) - sondern auch und anscheinend Experten für jene Begriffe, die in der Zukunft einmal eine Bedeutung haben werden und schon jetzt einmal - zur Eingewöhnung quasi - auf uns losgelassen werden.

Da wären: Zukunftsgesellschaft, Technolution, LOHAS, Food Trends, Innovation Economy, New Leadership, Homelife, Service Design, Business Lifestyle, Kondratieff-Zyklen, Wissensarbeit, Wissenskulturen, Corporate Foresight, Innovationsmanagement, Intuitives Management, Lebensqualitätsmärkte, Megatrend „Reife“, Female Markets und nicht zuletzt: Historie der Zukunft.

Bei Vorträgen, wie: "Silver Society", lernen wir, dass Alterung ein Geschenk des Fortschritts ist (falls Sie ihre Firma "Silver Fit" machen), in "Technolution – Von Hightech zu Hightouch" erfahren wir, wie es einmal sein wird, wenn Verkäufer zum „High Touch Berater“ und „Wissensmakler“ werden. In "Future Food" hören wir, was wir essen werden, nämlich „Sential Food“, „Hand-Held-“, „Mood-“ oder „Clean-Food“.

Manchmal denke ich: die Gegenwart reicht gar nicht aus, um all die neuen Wörter zu begreifen, bevor sie in der Zukunft dem Megatrend zum Short-Term-Gedächtnis anheimfallen.


hier noch der Link: www.zukunftsinstitut.de

Sonntag, 22. Februar 2009

Bushaltestelle

Hansl Hinterhausleitner, genannt "HaHa" lenkt seinen Postbus durch die trostlose Winterlandschaft des Traisentals. Vor sich, auf einer Halterung befindet sich sein Mobiltelefon, auf dem er jetzt die Nummer seines Arbeitskollegen wählt.

"Servas Koarl!" schreit er in seine Freisprecheinrichtung, die er am Ohr trägt, "Na, i bin eh in da Oabeit, i foah grod die Trasen-Tour, weu da Gustl heit ka Zeit hot. Foahst du a grod? Jo? A, do wean mia si eh daunn in Sankt Geurgn begegnan. Na, is eh net vül los um die Zeit, i hob nua zwa Foahrgäst. Waunn i mi tummelt, bin i um Viere drinn. Is eh gscheita, wanns schnölla weitergeht, waßt, wann i vur da Zeit bei da Haltestöll vorbeifoa, stengan no net so vül Leit duart. Nua die, wos si scho a Viertlstund vorher in die Költn stölln, haha! I bin froh, dass i nimmer in der Fruah foahr, waßt eh, de gaunzn Schüler! Mochn an murds Lärm und mit die gaunzn Schultaschen is ka Plotz zum duachegeh, do muasst daunn immer umadumplärrn, und eana a Watschn aundrohn, dass a Ruah is, des hoss i. - Hoit, jetzt bin i bei ana Haltestöll vuabeigfoahrn, wo ana gwort' hätt. Najo, in ana Stund kummt eh da nächste Bus. Woart amoi, do schreit grod ana von de Foahrgäst, i muaß amoi schaun, wos der wüll!"

HH dreht sich um und raunzt dem Fahrgast in unnachahmlicher Busfahrer-Manier zu: "Wooos?" Der Fahrgast ruft nervös: "Aussteigen bitte!" "Daunn hättns drucken miassn" "Hab ich!" antwortet der Mann und zeigt auf die Anzeige, auf der groß und deutlich "Wagen hält" zu lesen ist. "Nau, jetzt is' jedenfolls zschpät, i kaunn se jo net mittn auf da Bundesstraßn aussteign lassn!" Hansl widmet sich wieder seinem Gesprächspartner: "A so a Depperter. Wo woarn ma? A jo, bei de Schüler. Waßt, i bin friara immer die Schüler-Tour gfoarn, do san immer zwa Busse hinteranaund gfoahrn, und kana wollt der erschte in Wülhelmsburg sein, weu do san immer a gaunza Haufn eingstiegen. Lauta Gymnasiastn und so - waßt eh, de wo se de Eltern fia wos bessas hoidn. Hahaha! I hobs meistns gschofft, dass i ois zweiter kumm, weu dann hot da erschte olle einsteign lossn miassn, und i bin mitn leeren Bus vuabeigfoan, des woa a Gspaß! Woart, Koarl, i muass amoil stehnbleibm, sunst motschkert der wieder, dass er aussteign wüll."

Der Fahrgast hat sich inzwischen nach vorne begeben und steht jetzt neben dem Fahrer. "Darf ich vorne aussteigen?" fragt er höflich. "Naaa, hintn is der Ausstieg." "Aber es steigt doch hier niemand ein?" "Hintn hob i gsogt!" Leise fluchend geht der Mann nach hinten und verlässt den Bus. "Jo, Koarl, bist nu do? Na, des woa der Depperte von vurher. Zerscht net drucken und daunn frech werdn. I sog da 's: Leit gibts. Mia san scho gstroft ois Bus-Schofför. Aum liabstn foar i jo in da Nocht. Oiso mitn letztn Bus um holba Achte. Von Sankt Pöttn eine noch Göblasbruck. Do san de Leit scho miad und mochn kane Spompernadln mehr. Meistns sitzt eh kana mehr drinn ob Sankt Geurgen. Aussa, er is eingschlofn, haha! Des is oiweu a Hetz, wann der aufwocht. I waß goa net wie die daunn hamkumman, geht jo erscht wieder um Sechse in da Fruah der Erschte Bus zruck! Hoit! Wos isn des jetzt? Achso, do is a Umleitung wegn de Noarn! Wos sogst? Jo, Noarn! Heit is Foschingsaumstog, do gibts in Wülhelmsburg immer den Umzug, des haßt i foa heit net durch die Stadt, sondern auf der Umfohrung weita. Sche bled, jetzt haums die Haltestöll erst vor Kurzem verlegt, heite haums es wieder weiter-verlegt. De Leit miassn se scho verorscht vurkumman, haha! I stöll mia grod vur wie ana von ana Holtestöll zur nächsten geht und überall pickt a Zettl wo draufsteht: Haltestelle verlegt. Des is wia a Schnitzljogt. Najo, jedenfolls kumman die Leit auf die Oart net rechtzeitig zur Ersatz-Holtestöll und i brauch niemaundn einsteign lossn. He! bist deppat, do steht ana mittn auf da Strossn und wachelt mit de Händ, is der wo aungrennt?"

Der Chauffeur bremst den Bus scharf, und öffnet gleichzeitig die Tür. "Hean se!" ruft er dem Mann zu, der sich anschickt in den Bus zu steigen, "Wos wolln se do?" "Einsteigen?" antwortet der gefragte. "Se kennan do net mittn auf da Stroßn steh!" "Entschuldigung, wo soll ich sonst stehen, wir haben einen halben Meter Schnee?" "Goar nirgendst sollns steh. Warum wachelns denn mit de Händ? Is wos passiert?" "Passiert? Nein..." antwortet der Mann, immer noch am Fahrbahnrand stehend, "Ich hab nur gesehen, dass der Bus nicht anhält, und da hab ich mich bemerkbar gemacht!" "Des is jo goa ka Holtestöll." "Äh, doch!" - er weist auf das Haltestellen-Schild, das aus dem Tiefschnee ragt. "Wo wollns hin?" Der Busfahrer geht mit keinem Wort auf seinen Irrtum ein. "St.Pölten Hauptbahnhof. Die Haltestelle ist nicht geräumt, wissen sie, drum bin ich am Straßenrand gestanden!" sagt der Mann, während er einsteigt. "Drei Zehn. Glaubn se, wegn an Tog raman mir den Schnee weg? Morgn is de Haltestöll eh wieder woanders." Der Fahrgast legt Drei Euro Fünfzig auf die Ablage des Münzen-Speichers. Missmutig drückt der Fahrer vier mal auf den Hebel des 10-Cent-Abteils. Der Fahrgast wartet auf das Ticket. "Nau do! Nehman miassns ihr Koartn scho sölba!" grantelt ihn der Fahrer an und weist auf das Gerät, das 25 Zentimeter neben dem Lenkrad montiert ist. Der Fahrgast zieht die Fahrkarte aus der Maschine, bedankt sich höflich und geht nach hinten.

"Koarl? Jo, bin scho wieder bei dir. Oiso i waß net wos los is, heite zohln olle mit an grossn Göld, i hob boid ka Klangöld mehr zum aussagebn. Wo bistn grod? Spratzern? Ollas kloar. Heast du huast gaunz schen, bist verkühlt? Ja, na daunn foahr ham und leg di ins Bett! Du kummst jo eh mitn Bus bei dein Haus vorbei. Host vül Foahgäst? Ah, bis Trasn san eh olle ausgstiegen. Und wann no aner drinnen sitzt, der kaunn eh mitn Zug weiterfoarn. Des hob i friara a immer gmocht. Do hob i in Wagram gwohnt und mei Tour is immer bei mein Haus vorbeigaungan. Do bin i daunn immer stehnblieben, waunn Abendessenszeit wor. Waunn nu wer drinnengsessn is, hob i hoit gsogt: gehts, ihr sads eh jung, die fünfhundert Meter kennts eh zfuaß gehn. Olle sans brav ausgstiegn! Woart, i foah grod in Ganzndurf in die Haltestöll, do wüll ana aussteign."

Der Bus hält, die hintere Türe öffnet sich pneumatisch, aber der junge Bursche, der aufgestanden war und jetzt vor der Tür steht, macht keine Anstalten, die Stufen hinunter zu steigen. "Nau? Wüülst net aussteign?" "Nein, bei der nächsten!" antwortet der Jugendliche schüchtern. Jetzt ist der Hans aber richtig zornig. "Hearst, du kaunnst di doch net zur Tür stelln, waunnst goar net aussteigen wüllst!" "Ich hab ja gar nicht gedrückt!" antwortet der Gemaßregelte. "Na, heit sans olle deppert," redet der Fahrer wieder mit seinem Kollegen weiter, während er sich wieder in den Verkehr einreiht, "du, i bin glei in St.Geurgn, bleib kurz stehn, waun ma si begegnen, i hob wos für di. "

Kurz darauf begegnen sich die beiden Postbusse, genau auf der Höhe der nächsten Haltestelle. Die beiden Fahrer bringen ihre Fahrzeuge so zum Stehen, dass die Seitenfenster gegenüberliegen und kurbeln die Scheiben herunter. Von hinten hört man den jungen Burschen: "Darf ich jetzt aussteigen bitte?" Hans greift unter seinen Sitz und holt von dort ein Päckchen hervor. Er reicht es seinem Kollegen durch die geöffneten Fenster. "Kaunnst des, waunnst zur Dienststöll zruck kummst, in Dschango gebn?" "Wos is denn do leicht drinn?" fragt der andere Fahrer. "I hob ka Auhnung, des hot ma da Sepp gebm, weul a ka Zeit ghobt hot, dass ers eam sölba gibt. I glaub, es is vom Saubrigl Fritz." Von hinten hört man wieder den Jugendlichen: "Entschuldigung, könnten Sie bitte die Tür aufmachen?" Der Andere Fahrer schüttelt den Kopf: "Owa i kumm heit vielleicht nimmer in die Dienststöll, kaunst es eam net auf sein Spind legen?" "Na, daunn fladerns es vielleicht, i muass eam schon sölba gebn, owa der kummt erst um holba Fünfe eine, do bin i scho weg." Inzwischen versuchen einige Fahrzeuge in den Kolonnen, die sich hinter den beiden Bussen gebildet haben, durch Hupen auf sich aufmerksam zu machen. Der Bursch, indessen, ist nach vor zum Chauffeur gekommen: "Entschuldigung, darf ich bitte hier aussteigen?" "Nau guat," sagt der Fahrer des anderen Busses, "i gibs dem Wurzinger Willi, der foahrt die nächste Tour eine, murgn in der Fruah. I glaub, du solltast weidafoahrn, de san scho a wengal nervös hinter dir!"

Der Hans dreht sich um, um die Verkehrslage hinter seinem Fahrzeug abzuschätzen, dann fährt er los und sagt zum Karl, jetzt wieder über die Freisprech-Einrichtung seines Telefons: "De solln se net so aufpudln!" Neben ihm steht der verzweifelte Jugendliche: "Hallo, ich hätte hier aussteigen müssen, hören Sie mich nicht?" "Kaunnst net lesen?" fährt ihn der Fahrer an und weist auf das Schild, auf dem steht: Während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen! "Aber ich muss aussteigen!" "Siachst net, was da für ein Verkehr is? Bei de Autokolonnen is es vül zu gefährlich, wann i di do aussteigen loss, waun do wos passiert kum i in Häfn, steig bei da nächsten aus." Entmutigt geht der Bursch nach hinten. "Auweh! du, Koarl, bei der nächstn Holtstöll stengan mindestens fünf Leit, und ane mit an Kindawogn. Mir bleibt a nix derspoart!"

Die Frau fährt mit ihrem Kinderwagen zur hinteren Türe des Busses, wo der Jugendliche gerade aussteigt. Ohne zu zögern packt er zu und hievt, gemeinsam mit der Mutter, den Wagen über die zwei Stufen in das eineinhalb Meter höher liegende Wageninnere. Während dieser Prozedur, die aufgrund der Konstruktion des Einstiegs, die noch aus der guten alten Zeit stammt, als man mit Kinderwägen oder Rollstühlen noch nicht im Bus fahren durfte, etwas langwierig ist, haben die restlichen Einsteigenden ihre Fahrkarten gekauft, also schließt der Hans die Türen und fährt wieder los. "Hallo!" schreit der Bursch nach vorn. Vergeblich.

"Koarl? Jo, i sog da's! A so a Türkin mit ihrn Baungat is grod eingstiegn, wos se de do autuan, mitn Kindawogn im Bus foahrn, eigentlich sollt des verbotn sein. I waß net, warum de net mitn Auto foahrn. Eigentlich solltn olle mitn Auto foahrn. Oda wenigstens mitn Zug. Ollerweul host des Gscher mit die Foahrgäst. Wanns noch mir gangat, i lossat gor kan mitn Bus foahrn. Waßt, wos wir daunn fir a sölige Ruah hättn auf da Streckn? Wos sogst, Koarl? Du bist bei da Ersatz-Holtestöll in Wülhelmsburg vorbeigfoahrn? Jo, i hätts a scho glei übersegn, wengan Schnee. Wos wor? Ana is auf da Strossn gstaundn und hot mit de Händ gwachelt? Des wor sicher der Depperte, der mit mir zweit gfohrn is. Sölba Schuld. Wos muass er a unbedingt mitn Autobus foahrn. Koarl, i sog da's: des kaunn si ka Mensch vustölln, wos wir fir an Stress haum!"

Sonntag, 8. Februar 2009

plene crassus, vetere!

Manchmal muss man lange warten, bis man wieder unterhaltsame Dialoge aus den Weiten des Internets zu lesen bekommt.



Das Standard-Forum ist ja auch nicht gerade ein Schatzkästlein des Sprachwitzes - und doch stößt man, ganz selten, auf humorsprühende Passagen wie diese. Das erste Posting war als Reaktion auf einen typischen Standard-Wissenschaft-Besserwisser-Poster entstanden (er hatte die anderen User als Dumpfbacken beschimpft, obwohl er selbst physikalischen Unsinn geschrieben hatte, den ein Unterstufenschüler als solchen erkennen konnte).

Klicke auf das Bild, um den Text lesen zu können!

Hier ist ein Link zur Seite auf derstandard.at

Montag, 26. Januar 2009

Gedanken zum Darwin-Jahr

vor 200 Jahren wurde Charles Darwin geboren, vor 150 Jahren veröffentlichte er sein entscheidendes Werk On the Origin of Species.

Und dennoch, will es scheinen, kann sich seine Theorie nicht endgültig durchsetzen, bekommt sie Konkurrenz – wissenschaftliche Konkurrenz – in Form von „Intelligent Design“.

Zuerst einmal: ich kann alle beruhigen, die Angst haben, sie hätten in der Schule umsonst Evolutionstheorie gebüffelt. Die Evolutionstheorie bekommt keine Konkurrenz. Denn alles, was in letzter Zeit unter dem Titel „Kreationismus“ und „Intelligent Design“ geschrieben wird, ist keine wissenschaftliche Gegentheorie, es ist schlicht eine sehr genau geplante Einführung einer Kontroverse, um fundamentalistisch-christliches Gedankengut in die Gesellschaft einzuschleusen (betrieben ausschließlich von Mitgliedern der Konservativen Denk-Fabrik Discovery Institute in Seattle).

Dass die Kontroverse geplant, Streit gewollt ist, war spätestens 2005 klar, als auch von offizieller Seite die Authentizität des sogenannte Wedge-Documentes bestätigt wurde, in dem die kurz- und langfristigen Ziele der Intelligent-Design-Bewegung dargelegt wurden.

Um auch der geneigten Laiin und dem geneigten Laien darzustellen, dass hier kein ebenbürtiger Konkurrent in den Ring steigt, möchte ich kurz umreißen, worum es bei dem provozierten Konflikt geht:

Darwinismus

Ismen sind natürlich prinzipiell zu hinterfragen, schreibt ja sogar Wikipedia:

Das Suffix -ismus (...) ist ein Mittel zur Wortbildung durch Ableitung (Derivation). Das entstandene Wort bezeichnet ein Abstraktum, oft ein Glaubenssystem, eine Lehre, eine Ideologie oder eine geistige Strömung in Geschichte, Wissenschaft oder Kunst.

Deshalb sollten wir lieber den synonymen Begriff Darwinsche Evolutionstheorie verwenden, denn darum geht es: um eine wissenschaftliche Theorie, die die Gesetzmäßigkeiten beschreibt, nach denen sich biologische Systeme von Generation zu Generation verändern.

Die Prinzipien sind relativ einfach, und es sind genau 3:

1. Reproduktion/Vererbung: Eine Anzahl von Einheiten müssen fähig sein, Kopien von sich selbst anzufertigen, die ebenfalls reproduktionsfähig sind und Eigenschaften erben. Dabei werden verschiedene Variationen rekombiniert.

2. Variation: Es muss eine Bandbreite von verschiedenen Merkmalen in der Population der Einheiten gegeben sein. Es muss einen Mechanismus geben, der neue Variationen in die Population einführt (zum Beispiel durch ungenaue Replikation).

3. Selektion: Vererbte Merkmale müssen (auf längere Sicht gesehen) die Reproduktionsfähigkeit der Einheiten beeinflussen, entweder durch Überlebensfähigkeit (natürliche Selektion) oder die Fähigkeit, für die Reproduktion notwendige Partner zu finden (sexuelle Selektion).

Und das war’s. Allein mit diesen drei Prinzipien lässt sich praktisch alles, was uns vor das Biologen-Auge (oder dessen Seziertisch) kommt, erklären. Mehr noch, der Genetiker und Evolutionsbiologe Theodosius Dobzhansky ging sogar so weit, zu sagen: „Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution.“

die berühmte Fehlübersetzung

Dass Darwins Evolutionstheorie im deutschen Sprachraum in ein schiefes Licht geraten ist, hat hauptsächlich zwei Gründe. Erstens: Der englische Satz „Survival of the fittest“ (fit=angepasst) wurde entweder peinlicherweise oder in vollem Bewusstsein falsch übersetzt: es heißt nicht Überleben des Stärksten. Zweitens: Besonders die Vertreter des Sozialdarwinismus, welchen man als vorsätzliche Dummheit bezeichnen muss, haben diese Fehlübersetzung nur zu gerne in ihre Rassenidiotie übernommen.

Merkmale einer wissenschaftlichen Theorie

Als wissenschaftliche Theorie muss die Evolutionstheorie, so wie alle anderen Theorien auch, bestimmte Kriterien erfüllen:

  • Konsistenz (innere und äußere Widerspruchsfreiheit)
  • Sparsamkeit (sparsam in den vorgeschlagenen Strukturen oder Erklärungen, siehe Ockhams Rasiermesser)
  • Nützlichkeit (beschreibt und erklärt beobachtbare Phänomene)
  • Empirische Prüfbarkeit und Falsifizierbarkeit (siehe Falsifizierbarkeit)
  • Begründung auf vielen Beobachtungen, oft in der Form kontrollierter, wiederholbarer Experimente.
  • Korrigierbarkeit und Dynamik (wird geändert, wenn neue Daten entdeckt werden)
  • Progressivität (ist besser als vorhandene Theorien)
  • Vorläufigkeit (macht das Zugeständnis, dass sie nicht richtig sein könnte, statt Sicherheit vorzugeben)

Neo-Kreationismus / Intelligent Design

Der Name Intelligent Design statt Neo-Kreationismus wird erst verwendet, seit der Supreme Court der Vereinigten Staaten im Fall Edwards v. Aguillard (1987) entschied, dass der Kreationismus im Lehrplan von öffentlichen Schulen verfassungswidrig sei. Beide Ausdrücke bezeichnen die Ansicht, wonach es wissenschaftlich nicht haltbar sei, dass Komplexität, wie sie uns bei Lebewesen entgegentritt, rein naturalistisch, ohne Einbeziehung eines intelligenten Schöpfers, entstanden sein kann.

Hauptargumente für ID sind dabei immer einzelne Beispiele aus der Biologie, bei denen die Wissenschaft noch nicht alle Details klären konnte. Werden die Zusammenhänge dann klarer, zieht sich ID von diesen Beispielen zurück auf andere. Man hat daher den Gott der Kreationisten als „Lückenbüßer-Gott“ bezeichnet, der immer dann herhalten muss, wenn die Wissenschaft (noch) keine genauen Erkenntnisse hat. Dass diese traurigen Gottesbeweise wohl nicht im Sinne selbstbewusster Christen sein können, versteht sich von selbst.

Dass ID mehr von einer Ideologie als von einer Theorie hat, lässt sich auch an einem strukturellen Grundproblem erkennen: Zwar wird Kausalität zur Erklärung herangezogen: Komplexe Strukturen haben ihren Ursprung in einem intelligenten Schöpfer; dieser wird aber nicht weiter erläutert. Sich auf ein Etwas zu berufen, das nicht weiter erklärt wird, um den Ursprung von etwas anderem (den Menschen selbst) zu erklären, ist aber nicht viel mehr als ein Zirkelschluss und die neue Frage, die von der Erklärung aufgeworfen wird, ist so problematisch wie die Frage, welche die Erklärung beantworten soll.

Wenn wir die Aussagen des IDs Punkt für Punkt an den zuvor vorgestellten Kriterien für wissenschaftliche Theorien messen, stellen wir fest, dass es keinen einzigen Punkt erfüllt. In Wahrheit kann man die Kernaussagen der Vertreter des ID auf einen Satz reduzieren: „Ich verstehe nicht, wie die Evolution funktioniert, also muss sie falsch sein.“ Wir haben es also hierbei mit einer Mischung aus Denkfaulheit und Arroganz zu tun, nicht mehr. Ebenso könnte man Gründe anführen, warum die Erde flach sein muss, oder dass es keine dem Auge unsichtbaren Strahlen gibt.


Fazit

Es gibt keine Kontroverse Darwinismus-Kreationismus. Es ist allein das Ziel einer bestimmten Gruppe rund um die Mitarbeiter des Discovery Institute, es so erscheinen zu lassen.


Weiterführende Links und Quellen:

Charles Darwin auf Wikipedia

Understanding Evolution (Universität Berkeley)

Beitrag auf Oe1 (österreichischer Rundfunk)

Beiträge zum Thema Evolution auf Zeit Online

Leserfragen zur Evolution auf Wissen.de

Intelligent Design auf Wikipedia

das Discovery Institute auf Wikipedia


Samstag, 24. Januar 2009

Der Palolowurm

Wer mich kennt, kennt auch die Geschichte vom Palolowurm. Jenen, die sie noch nicht gehört haben, sei sie hier noch einmal kurz erzählt.

Im Jahre 1847 wurde erstmals ein Tier beschrieben, von dem man nur den Hintern kannte.

Erst 1898 wurde erstmals sein Vorderkörper gefunden.

Palola viridis

Nun ist es nicht etwa so, dass dieses Tier so selten ist, ganz im Gegenteil! Vor den Inseln Polynesiens lebt, versteckt im Hartsubstrat des Meeresbodens, in großer Zahl der Palolowurm Palola viridis. Es handelt sich dabei um einen Vertreter der Klasse der Ringelwürmer, zu der auch unser alter Bekannter, der Regenwurm zählt. Der Samoa-Palolo wird 70cm lang (wenn er seinen Hinterleib noch hat) und ernährt sich von Algen und Korallen. So lebt er das ganze Jahr hindurch ein unscheinbares Leben und kommt gerade mal während der Dämmerung kurz aus seinen selbstgegrabenen Gängen hervor. Bis zu jenem Tag.

Genau am dritten Tag nach dem dritten Mondviertel im Oktober trennen sich die Würmer von ihren Hinterleibern. Das hat natürlich, wie immer bei so drastischen Einschnitten, sexuelle Gründe: die Hinterleiber rudern in eleganten spiraligen Bahnen an die Meeresoberfläche, wo sie explodieren und Eizellen bzw Spermien freigeben, welche sich selbstredend verbinden, wieder an den Meeresboden absinken und dort zu Trochophora-Larven heranreifen, der typischen Larvenform der Polychaeten.

Das erstaunliche an der Sache ist nun, dass alle Würmer besagtes Erlebnis exakt zur selben Zeit haben: sie alle, das heißt, die Hinterleiber (Epitoke) kommen zur selben Zeit an die Meeresoberfläche und bilden dort eine Meterdicke Schicht! Die Eingeborenen der Inseln haben natürlich nicht verabsäumt, täglich den Mond zu beobachten, um dieses Ereignis nicht zu verpassen: jetzt rudern, waten, schwimmen sie hinaus, schöpfen die eiweißreiche Ernte mit großen Körben und feiern das Palolofest: Mblalolo lailai. Die Würmer werden auf Bananenblättern gedünstet, gebraten, gekocht, roh gegessen, wie auch immer, der Palolo ist eine Delikatesse.

Montag, 5. Januar 2009

Wir bauen uns ein Spektroskop

Ich habe geschrieben:

Der Mensch kann mit unbewaffnetem Auge nicht feststellen, ob eine Lichtquelle ein Linienspektrum oder ein kontinuierliches Spektrum besitzt.

Das stimmt auch, aber zumindest leicht bewaffnet geht’s. Es gibt da einen ebenso simplen wie einfachen Trick: wir nehmen unser Spektroskop. Doch, doch, wir haben eins! Meist sogar viele davon. Die nennt man auch Compact Discs. Diese Scheiben haben ja, wie wir alle wissen, eine Rille (nicht zwei, so wie eine Schallplatte). Entlang dieser etwa 6km langen Spur liest der Laser die Musik oder die Diplomarbeit oder die Pornovideos aus. Die benachbarten Bereiche dieser Spirale sind etwa 1,6µm voneinander entfernt. Das ist eine Größenordnung, die schon der Wellenlänge des Lichts nahe kommt: Das Rot des Lasers, der eine CD ausliest, hat eine Wellenlänge von 0,78µm. Die enge Spirale wirkt also auf das auftreffende weiße Licht wie ein Regenbogen-Hologramm: Durch Interferenz-Erscheinungen werden bestimmte Wellenlängen verstärkt, andere ausgelöscht. Welche das sind, steht in einem direkten Zusammenhang mit dem Einfallswinkel bzw. Blickwinkel. Daher erscheint jede Lichtquelle, die sich in einer CD spiegelt, als ausgedehntes Spektrum – voila!

Jetzt können wir auch unterscheiden, ob das Licht einer Lampe ein kontinuierliches Spektrum besitzt, oder ein Linienspektrum:

  
hier spiegelt sich ein Halogen-Spot      ...und hier eine Energiesparlampe.

Jeder ist nun zu eigenem Experimentieren aufgerufen: Wer noch immer glaubt, mit einem gelben Lampenschirm könne man aus einer Energiesparlampe eine Glühlampe machen, möge dies mit dem CD-Spektroskop überprüfen: aus einem Linienspektrum wird nun mal kein kontinuierliches, auch wenn noch so viele Filter davor sind. Filter können nur Farben wegnehmen und keine dazuerfinden. Ebenso könnte man versuchen, aus einem Sieb unten mehr Mehl heraus zu bekommen, als man oben hinein schüttet.


(Dieser Post ist ein Update zu: Glühlampen-Verbot)

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Die Telekom fährt Bahn


Im Grasgrünen Telekom-Lack fährt seit kurzem eine Taurus-Lok der ÖBB über die heimischen Schienen, und eine Aufschrift verkündet:
"Internet 1. Klasse".
Da haben sich die Werbetexter aber ein tolles Wortspiel ausgedacht.
Erste Klasse im Zug? Also: teuer, weniger Leute aber genauso schnell wie mit der zweiten Klasse!
Aber das war wohl nicht gemeint.
Es soll wohl heißen: die beste Klasse die es gibt. Aber Moment: Die ÖBB haben doch eben erst ihren Railjet vorgestellt, und mit ihm die neue "Premium Class". Das Telekom-Internet ist also "nur" erste Klasse. Aber das wahr wohl auch nicht gemeint. Sei's wie es sei: Ich surfe weiter in der 2.Klasse und hoffe, dass es bald freies WLAN in jedem Zug gibt - ob Telekom oder nicht.

Dienstag, 9. Dezember 2008

Glühlampen-Verbot

Zwei Dinge sind unendlich: Die menschliche Dummheit und das Weltall. Bei letzterem bin ich mir allerdings nicht so sicher (Albert Einstein)

Wie recht er doch hatte! Die EU hat also beschlossen, in sechs Stufen bis 2016 den Rest licht-biologisch gesunden Kunstlichts abzuschaffen. Anscheinend müssen durch die Nichtraucher-Kampagnen frei werdende Kapazitäten in unserem Gesundheitssystem wieder gefüllt werden.

Zunächst einmal zur Klarstellung, da darüber nur ungenaue Meldungen kolportiert werden: alle "matten" Glühlampen dürfen ab 2009 nicht mehr verkauft werden, alle "klaren" sollen bis 2016 vom Markt verschwinden (siehe das zugehörige technical briefing der EU). Als Ersatz für die matten Glühbirnen wird eindeutig die "Kompaktleuchtstofflampe" favorisiert. Die klaren Lampen sollen vorerst durch Halogenlampen ersetzt werden, später sollen auch die (weniger effizienten) Halogenlampen verschwinden.

Um den Menschen den Umstieg zu erleichtern (was ja eigentlich nicht notwendig ist, wenn es keine Alternative gibt) wird ihnen erklärt, dass
  1. das Licht der guten LSL genau so schön wie das der bösen Glühbirnen ist,
  2. dass wir alle so und so viele Terawattstunden Strom sparen, und
  3. dass die Ökobilanz der guten Energiesparlampen um sovieles besser ist als die der bösen Glühlampen.
Zum Punkt 1:

Sichtbares Licht besteht aus elektromagnetischen Wellen, das weiß eh schon jedes Kind. Weniger bekannt ist aber, dass die Zusammensetzung von Licht, also der Mix aus verschiedenen Wellenlängen bei verschiedenen Leuchtmitteln sehr unterschiedlich sein kann. Zunächst muss man wissen, dass sogenanntes weißes Licht eine Mischung aus allen möglichen "Farben" ist, lediglich unser Auge (genauer: das Sehsystem) "mischt" sie zu Weiß oder zu einer anderen Farbe. Wenn man eine weiße Fläche am Computer-Monitor mit einer guten Lupe betrachtet, wird man sehen, dass da nur rote, grüne und blaue Punkte sind. Allein aus drei Farben lassen sich also (nahezu) alle anderen mischen. Ebenso gibt es Leuchtmittel, die nicht alle Farben des Spektrums verwenden, um Weiß zu erzeugen (die also kein kontinuierliches Spektrum wie die Sonne und die Glühlampe besitzen), sondern nur einige wenige daraus benutzen. Die Leuchtstofflampe ist so ein Leuchtmittel (siehe untenstehende Grafik von General Electrics):

Äpfel:


Birnen:


Der Mensch kann mit unbewaffnetem Auge nicht feststellen, ob eine Lichtquelle ein Linienspektrum oder ein kontinuierliches Spektrum besitzt. Wenn man direkt in die Lampe oder auf eine beleuchtete weiße Fläche schaut, ist es durchaus möglich, dass die Sparlampe sich nicht von einer Glühlampe unterscheiden lässt. Die Welt besteht aber nicht aus weißen Flächen. Gegenstände reflektieren bestimmte Wellenlängen und schlucken andere. Die Mischung der zurückgestrahlten Frequenzen ergibt dann die Grundlage für die Farbe, die das Gehirn sieht. (Welche Farbe das genau ist, ist sehr schwierig zu bezeichnen, denn das hängt von vielen Faktoren, wie Kontrasten, Wissen über den Gegenstand usw., ab) Diese Farben "stimmen" bei einer Sparlampe einfach nicht, und viele Menschen empfinden das Licht als "trostlos". Dass das auf Dauer psychische Auswirkungen hat, liegt auf der Hand.

Selbsverständlich gibt es keine "richtigen" Farben, die ein Gegenstand besitzt, aber es gibt eine Ausgewogenheit, die wir gewohnt sind, weil wir uns Millionen Jahre lang daran angepasst haben.

Abgesehen von der verfälschten Farbwiedergabe durch eine Lampe mit einem Spektrum wie oben links abgebildet, haben verschiedene Spektralfarben eine biologische Wirkung auf den Menschen, indem sie Zirbeldrüse und Hypophyse anregen, Hormone zu produzieren oder diese Produktion hemmen. Heute verbringen wir sehr viel Zeit bei künstlichem Licht. Leider gibt es kaum Untersuchungen, wie sich die Langzeit-Bestrahlung mit einer unnatürlichen Quecksilberlampe auswirkt. Es ist zwar unseriös, ohne solche Studien einen Zusammenhang zwischen dem schon lange an den Arbeitsplätzen verwendeten Leuchtstoffröhren-Licht und bestimmten Zivilisationserkrankungen (die auch ihre Ursache im Hormonungleichgewicht haben können) herzustellen, aber auffällig ist die Zunahme solcher Leiden allemal.

Anstatt unser Geld in Medikamente, Wellness-Artikel und Seminare zum Stressabbau zu stecken, könnten wir es ja auch dazu verwenden, einfach das bisschen mehr an Strom zu bezahlen, das eine Glühlampe braucht, um die wohltuende und Wirkung eines kontinuierlichen Spektrums mit weniger Blau-Anteil zu verbreiten.

Zum Punkt 2:

Sparlampen sparen wirklich Strom, das ist unbestritten. Interessanterweise ist die Einsparung selbst bei Halbierung der Lebensdauer und Verdopplung der Wattzahl (Leider ist eine 11W-Sparlampe nicht genau so hell wie eine 60W-Glühbirne, obwohl es auf der Verpackung steht) bei Sparlampen immer noch sehr hoch - Auf Wikipedia gibt es eine nette Rechnung:

Anschaffungskosten + Stromverbrauch x Strompreis = Gesamtkosten

(15 x 1,95€) + (60W x 15000h x 0,20€/kWh) = 209,25€

(1 x 9,22€) + (11W x 15000h x 0,20€/kWh = 42,22€

Einsparpotential = 167,03€

Wenn wir als Lebensdauer 7000 Stunden annehmen und 21W statt 11W nehmen, sieht die Rechnung so aus:

(7 x 1,95€) + (60W x 7000h x 0,20€/kWh) = 97,65 bzw.:

(1 x 10,90€) + (21W x 7000h x 0,20€/kWh) =40,30

Einsparpotential = 57,35 das sind in den urspr. 15 Jahren: 122,89€

Wieviel vom Gesamtstromverbrauch das allerdings ist, lässt sich schwer abschätzen: die Angaben für den Anteil der Beleuchtung am Stromverbrauch im Haushalt gehen sehr weit auseinander: Zahlen von 1% bis 20% werden genannt. Wesentlich höher ist der Anteil der Energiekosten für Heizung, Kochen, Warmwasser, Aircondition etc. Hat irgendwer jemals davon gehört, dass Heizlüfter und Elektroherde verboten werden sollen? Die wandeln nämlich nur maximal 25% der Primärenergie in Wärme um, während es bei Erdgas bis 95% sind.

Leider kann man nie genau sagen, wie lange eine Energiesparlampe wirklich hält: Ich habe einmal drei Ikea-Sparlampen gekauft, die, parallel verwendet, nach einem Monat alle kaputt waren. Andererseits habe ich auch welche zuhause (Ja, auch ich verwende sie, wo sie sinnvoll sind!) die schon seit 10 Jahren ihren Dienst tun. Wenn die Streuung der individuellen Lebensdauern aber so groß ist, kann ich keine Einsparung ernsthaft kalkulieren.

Noch ein Punkt zur Lebensdauer von (Allgebrauchs-)Glühlampen: das sind genau 1000 Stunden. Warum? Nicht etwa aus physikalischen Gründen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen. Es gibt immer wieder Stimmen, die behaupten, die Industrie begrenze die Lebensdauer auf 1000 Stunden, um einen größeren Gewinn zu erzielen (siehe: Glühlampen-Kartell). Das mag stimmen, aber bei dem geringen Preis einer Glühlampe würde eine längere Lebensdauer überhaupt nicht zur Reduktion der Energiekosten beitragen: je länger man die Lebensdauer einstellt, desto mehr Strom braucht man für die gleiche Lichtleistung.

Eine weitere bedenkenswerte Tatsache sollte man aber auch nicht außer Acht lassen: Glühlampen tragen ja auch zur Erwärmung des Raumes bei (zumal man gerade im Winter die Raumbeleuchtung länger eingeschaltet hat), diese Energie muss man also anderweitig aufbringen. Noch dazu - so man einer britischen Studie glauben schenken darf - neigen Menschen dazu, von Sparlampen beleuchtete Räume stärker zu beheizen, da man diese psychologisch als kälter empfindet.

zu Punkt 3:

Dies ist der schwierigste Punkt in der Diskussion: Energiesparlampen brauchen mehr Energie bei der Produktion (in China, wo womöglich keine westlichen Umweltschutz-Standards eingehalten werden) als Glühlampen, enthalten giftige Stoffe (hauptsächlich Quecksilber und Flammschutzmittel auf der Platine) und man braucht wieder Energie um die Lampen zu entsorgen, bzw. zu recyclen.

Angeblich ist die Ökobilanz dennoch positiv, da bei der höheren Strom-Produktion für den Betrieb von Glühlampen mehr Quecksilber entsteht, als in Leuchtstofflampen enthalten ist.

Und das ist wahrlich ein merkwürdiges Argument, denn es funktioniert nur, solange der Strom aus schmutzigen Wärmekraftwerken kommt, und nur dann, wenn diese Kraftwerke aufgrund des Glühlampenverbots weniger Strom produzieren.

Falls nämlich - z.B. weil die Konsumenten vermehrt Öko-Strom-Anbieter in Anspruch nehmen, oder weniger Kohlekraftwerke arbeiten - der Quecksilber-Ausstoß sinkt, dann stimmt es nicht mehr, dass in LSL weniger Quecksilber enthalten ist - und die positive Ökobilanz ist futsch. Falls andererseits die schmutzigen Kraftwerke weiterhin genausoviel Quecksilber ausstoßen, weil der Stromverbrauch nicht sinkt, oder es nicht gelingt, die Entsorgungsquote zu erhöhen (es werden in Deutschland angeblich nur 5% der Sparlampen ordnungsgemäß entsorgt), hat die ganze Aktion nur zusätzliches Quecksilber in die Umwelt gebracht.


Die Sparlampen-Diskussion hat in den Medien und in den Internet-Foren leider eine Ideologische Dimension bekommen. Das ist sehr schade, denn Menschen, die aufgehört haben, Fakten abzuwägen und stattdessen die anderen als Klimaschädlinge, respektive als Eu-Jasager bezeichnen, nützen der Sache der Umwelt- und Gesundheitspolitik ungefähr so viel wie ein religiöser Fanatiker der Sache der Menschenrechte.



Links zum Thema:

Zeitschrift Ökotest - hat getestet und kommt zu einem katastrophalen Ergebnis
Lichtbiologie - Alexander Wunsch mit nicht unumstrittenen Theorien
Kommentar im Standard - Gedanken eines Lichtplaners zum Thema - samt Forum
Technical Briefing - der EU
Wikipedia-Artikel - Kompaktleuchtstofflampe

Montag, 1. Dezember 2008

Lateral Thinking Puzzles

Kennen Sie das? Zwei Leute sitzen an einem Kaffeehaustisch, in eine eigenartige Konversation verstrickt: Hat er die Möwe absichtlich geschossen? Ja. Hat er früher schon mal Möwenfleisch gegessen? Nein. Hat es was mit seiner Frau zu tun? Ja. Lebt seine Frau noch? Nein.

Männer die Möwen essen, im Fahrstuhl nur bei Regen bis oben fahren, sich erschießen weil sie keine Sägespäne sehen oder nackt mit einem abgebrochenen Streichholz in der Wüste liegen. Das sind die Themen einer Kategorie von Rätselgeschichten, die meist tödlich enden (der Mann im Fahrstuhl ist einer der wenigen, der das Rätsel überlebt). Es funktioniert so: einer stellt eine Frage, wie: "ein Mann fährt im Auto, als auf einer Brücke die Musik abbricht, steigt er aus und springt in den Tod. Warum?" die anderen müssen nun Fragen stellen, die man mit ja oder nein beantworten kann.

Das Erstaunliche ist nun, dass jede Geschichte, sei sie auch noch so abstrus und abgründig, erraten werden kann, wenn die Leute nur hartnäckig genug Fragen stellen. Dabei hilft weder Logik noch Menschenkenntnis. Die Gewinnstrategie ist einfach: Fragen stellen, die möglichst abseits des Themas liegen. Lateral also. Deswegen nennt man diese Rätsel im Englischen auch Lateral Thinking Puzzles.

Auf der Seite www.lateralpuzzles.com kann man überdies feststellen welch sprachbegabte Menschen sich mit diesen merkwürdig unliterarischen Geschichten beschäftigen - hier der Post eines Users als Antwort auf ein gar zu simples Rätsel (Polizist hält Lastwagenfahrer, der gegen die Einbahn unterwegs ist nicht an. Lösung: er geht zufuß.):

A truck driver is going along a one way street in the opposite direction to the flow of traffic consisting of motorised conveyances of various specifcations and designs which were obeying the relevant signage, the current highway code and the relevent traffic laws. A policeman noticed the man because he had a large inflatable replica of the duke of kent complete with flashing LED eyes sticking out of his huge mexican sombrero.
Observing that the man was not a relation of the chief of police and didn't have a beard, high vis vest, a wedding ring or in any danger of falling into a hole. The policeman, who was on duty, not on a stakeout and could, if he so desired bring down the full might of the law as per his obligation to uphold the Queens regulations and support acts of parliment so proposed by the commoners and aproved by the house of Lords, decided that no breach of said laws and/or regulations apertaining in this instance to the current highway code (availble from Her majesty book store for £6.99 cash or you can order online with a valid UK credit/debit card) had occured.

Mir ist die Zeit voraus

Irgendwann vor zehn oder zwanzig Jahren muss es passiert sein: ich habe ein paar Minuten verloren. Meine Zeit hat hinter der Zeit der Welt seither einen Rückstand, der nicht mehr aufzuholen ist: die Welt ist immer ums Arschlecken schneller:

Zeichnung von Walter MoersHeute ist mein freier Tag! Herrlich! Heute kann ich endlich erledigen, was die ganze Woche liegengeblieben ist: Fenster Putzen, Wäsche waschen, die Lampe im Vorzimmer reparieren und dann diese zwei Schachteln mit alten Geräten aussortieren – ja und dann will ich noch diesen Videoanruf machen, weil ich die Verbindungsqualität testen möchte, ob sie brauchbar ist, für einen Live-Einstieg in der nächsten Frunz-Show.

Ich hab bis Zehn geschlafen! Ach, das passt schon, schließlich bin ich erst um halb drei nach Haus gekommen. Erst einmal gemütlich frühstücken und dabei im Internet die Zeitung lesen.

Ich lege also das Toastbrot mit Schinken und Käse in den Toaster und schalte den Laptop ein. Während er hochfährt, werfe ich die Espressomaschine an. Mist: das Internet geht nicht. Da hat's was mit der Wlan-Verbindung zu meinem Server im Arbeitszimmer. Also checke ich das schnell. Als ich ins Arbeitszimmer komme, sehe ich, dass sich meine Zimmerpflanzen schon ziemlich traurig hängen lassen – na dann werden wir sie rasch gießen, das geht ja schnell. Vielleicht sollte ich noch ein wenig Dünger ins Gießwasser geben?

Als ich im Abstellraum das Regal nach dem Grünpflanzendünger durchsuche, fallen mir diese beiden Kisten ins Auge, die ich heute ja noch ausräumen werde und damit ich's nicht vergess' stell ich sie schon mal ins Vorzimmer. Halt! Was ist das für ein Geruch? Verdammt, der Toast. Toaster ausschalten, Fenster aufreißen... da liegt auch schon der Blumentopf am Boden. Gut, die Erde muss ich gleich wegkehren, sonst verteil ich sie noch in der ganzen Wohnung. Ich gehe zum Kasten, wo ich Besen und Mistschaufel aufbewahre und muss mit Schrecken feststellen, dass ich die Espressomaschine nicht ausgeschaltet habe (das ist so eine Nespresso-Maschine ohne Automatik): der Kaffee rinnt schon auf den Küchenboden.

Ich werde den Wischmop aus dem Abstellraum holen müssen. Aber vorher beseitige ich noch die Blumenerde, kehre sie auf die Schaufel und will sie in den Abfalleimer werfen, wobei ich feststelle, dass dieser randvoll ist. Daher lege ich die Mistschaufel vorsichtig beiseite und entsorge erst einmal den Müll. Leider stehen auf dem Weg durchs dunkle Vorzimmer – wollte ich nicht heut die Lampe reparieren? - diese beiden Kisten am Boden und mich streut es der Länge nach hin. Der Müll verteilt sich zwanglos am Boden des Vorzimmers und macht auch nicht vor der Schwelle des angrenzenden Wohnzimmers halt. Herr, machs gar!

Gut, also den Müll einschaufeln. Aber womit? Die Schaufel ist voll. Und das alles ohne Kaffee! Nein, erst einmal muss ich Kaffee trinken, dann wird zugepackt. Als ich das Wasser in den Tank der Espressomaschine nachfülle, steige ich beiläufig in die mit Erde gefüllte Mistschaufel – das kann mich jetzt aber nicht mehr schockieren, ruhig bleibe ich in der Erde stehen und warte diesmal bis die Kaffeetasse voll ist. Ich muss sowieso den Boden aufwischen, also macht es jetzt nichts mehr, dass Erde an meinem linken Fuß klebt während ich die Tasse neben den Laptop stelle.

Das mit dem Toast ist ein kleines Problem, denn der Toaster ist komplett versaut. Gut, wasch ich die Herausnehmbaren Teile halt schnell ab. Ich lass Wasser in die Spüle laufen, während ich feststelle, dass das Spülmittel aus ist. Aber ich habe ja als guter Hausmann immer eine Ersatzflasche daheim. Die ist im Abstellraum. Slalom durch den Müll in den Abstellraum, ja da steht sie ja! Und gleich daneben der Pflanzendünger! Den nehm' ich auch gleich mit. Und weil ich ja schon wieder so viel Zeit verloren hab, geb ich ihn gleich ins Gießwasser – ich könnte ja auch noch gleich die Pflanzen gießen – das geht ja schnell. Als ich ins Arbeitszimmer komme und am Bildschirm des Servers vorüber gehe, fällt mir diese Fehlermeldung auf: Deswegen geht das Wlan also nicht! Ich klicke die Fehlermeldung weg, versuche ein paar Fenster zu öffnen, um den Status der Verbindung zu sehen – der Kübel reagiert langsam wie eine Schnecke. Ich werde ihn wohl herunterfahren und neu Starten müssen. Aber das dauert, endlich reagiert er... und hängt sich auf. Also hilft nur noch rohe Gewalt in Form eines zweisekündigen Drucks auf den Ausschaltknopf. Na dann warte ich gleich, bis er wieder hochgefahren ist, um das Passwort einzugeben. Nach einigen Minuten ist alles soweit – so, jetzt müsste auch die Internetverbindung vom Laptop wieder funktionieren.

Als ich in die Küche komme und auf den Laptop losstarte, muss ich mich etwas zu steil in die Kurve gelegt haben, denn meine Füße rutschen auf dem vom inzwischen übergelaufenen Spülwasser nassen Boden aus und ich schlage mit dem Kopf gegen die Kaffeetasse, deren Inhalt zielsicher seinen Weg in die Zwischenräume der Laptop-Tastatur findet. Nachdem ich ohne Beachtung meines schmerzenden Kopfes aufgesprungen bin, würge ich den Computer ab, ziehe das Kabel raus und bete, dass die Schaltkreise stromlos sein mögen. Flüssigkeiten schaden dem Gerät nämlich hauptsächlich indem sie Kurzschlüsse verursachen. Ich werde das Ding also auseinander nehmen, reinigen und trocknen müssen, bevor ich es wieder verwenden kann. Also heute kein Video-Call mehr (Weil ich das unbedingt mit dem Laptop machen muss, um Originalbedingungen zu simulieren). Keine Online-Zeitung beim Frühstück – falls ich überhaupt jemals zu einem Frühstück komme.

Gut. Kaffeeversuch die Dritte. Diesmal bewege ich mich keinen Zentimeter weg von diesem Ort – obwohl – das Spülmittel habe ich irgendwo stehen lassen. Das hol ich schnell. Ich finde es neben der Gießkanne. Ob ich es diesmal schaffe, die Blumen zu gießen? Geht ja schnell. Und ich schaffe es. Und ich schaffe es, mit dem Spülmittel zurückzukommen, den Kaffeeautomaten rechtzeitig abzustellen, das Spülmittel ins Wasser zu gießen... warum es nicht schäumt? Ich denke, Blumendünger schäumt eben nicht. Aber wo habe ich dann das Spülmittel hingegossen? Langsam freunde ich mich mit der Vorstellung an, dass Männer auch weinen können dürfen. Aber noch gebe ich mich nicht geschlagen. Ich leere den restlichen Inhalt der Gießkanne in die Spüle und putze die Toaster-Teile. Ich will Toast und ich werde Toast kriegen.

Nur, dass jetzt kein Schinken mehr da ist ist. Ich könnte mir ja auch ein Marmeladebrot streichen, aber ich will nun einmal Schinken. Basta. Ich werde mal kurz in den Supermarkt gehen und welchen kaufen. Aber ich gehe nie aus dem Haus, ohne vorher zu duschen. Das mach ich jetzt. In meinem Bad steht die Waschmaschine und weil ich ohnehin schon so viel Zeit verloren hab, kann ich ja auch gleich die Wäsche reinstopfen. 40° Programm Nummer 2 und los geht's. Dann steige ich unter die Dusche und beschließe, mich zu entspannen – bis ich dieses Geräusch höre: Tok tok tok... das kommt aus der Maschine. Hab ich etwa vergessen, die Taschen meiner Jeans auszuräumen? Etwa das Handy?

Ich springe aus der Dusche, nicht ohne dabei auszurutschen und mit dem Rücken gegen die Armatur zu knallen – das hat weh getan. Ich atme ein paar Sekunden tief durch, dann schalte ich die Maschine ab, warte, bis sich die Tür öffnen lässt und hole das kaputte aber saubere Handy aus der Hose. Ok, das ist heut also nicht mein Tag. Ich trockne mich rasch ab, ohne meinen schmerzenden Rücken zu beachten, schlüpfe schnell in ein Tshirt und in die Hose – nein, in eine trockene natürlich. Dann laufe ich zum Supermarkt.

Dass ich an der Kasse merke, dass ich kein Geld eingesteckt habe, ist mir gar nicht mehr so peinlich, nachdem mich eine besorgte Dame hinter mir auf die Blutflecken am Tshirt aufmerksam macht. Ich komme ohne Schinken nach Hause und ziehe erst einmal das Shirt aus, das bereits schmerzhaft an mir klebt. Dann streiche ich mir ein Marmeladebrot.

Vorsichtig, ohne mit dem Rücken die Sessellehne zu berühren, sitze ich am Küchentisch und rekapituliere den bisherigen Tag, während ich den kalten Kaffee in stiller Verzweiflung schlürfe. Eine Beule am Kopf, zerschundene Knie, ein zerschundener Rücken, ein Kaputter Laptop, ein kaputtes Handy, eine Wohnung voller Müll und eine Wasserlache am Küchenboden, die sich langsam mit Erde und Kaffee mischt. Ich streiche Fensterputzen von meiner Agenda.

Heute werde ich wohl noch die Wohnung sauber kriegen müssen. Dann werde ich den Laptop zerlegen, reinigen, und wieder zusammen bauen und feststellen, dass einige Teile übriggeblieben sind, die eigentlich ganz innen sein sollten. Dann geh ich in mein Stammlokal und esse etwas. Dann werde ich zurückkommen und bemerken, dass ich die Waschmaschine nicht wieder eingeschaltet habe, dass ich für morgen keinen Toastschinken im Kühlschrank habe, dass es im Vorzimmer noch immer finster ist, dass die Schachteln noch immer herumstehen – und dass meine Zimmerpflanzen aus einem unerklärlichen Grund alle eingegangen sind.

Dann werde ich mich aufs Sofa legen und nachdenken, warum ich nichts erledigt habe, obwohl ich den ganzen Tag nur herumgerannt bin, und draufkommen, das alles damit angefangen hat, dass das Wlan nicht gegangen ist. Dann werde ich meiner Freundin eine Mail schreiben wollen, worin ich mich entschuldige, dass ich telefonisch nicht erreichbar bin und gleich darauf werde ich feststellen, dass mein Internet überhaupt nicht geht, also die Wlan-Verbindung gar keinen Fehler gehabt hat.

Ich weiß nicht, irgendetwas läuft falsch, seit ich vor einigen Jahren ein paar Minuten verloren hab.